Politische Forderungen

Im ASB-Themenjahr macht der ASB politische Entscheidungsträger darauf aufmerksam, dass in Deutschland in Sachen Erste Hilfe erheblicher Nachholbedarf besteht. Während in anderen Ländern Europas 60 Prozent der Umstehenden bei einem Herz-/Kreislaufstillstand mit der Laienreanimation beginnen, sind es in Deutschland nur 16 Prozent.

Erste-Hilfe-Wissen gehört in Deutschland noch nicht zur Allgemeinbildung - das soll sich ändern.
Foto: ASB/P. Nierhoff

Allein durch eine Verdoppelung der Ersthelferquote könnten in Deutschland jährlich 5.000 Menschen vor dem plötzlichen Herztod gerettet werden. Daher sieht der ASB die politischen Entscheidungsträger Deutschlands in der Pflicht, die Wichtigkeit von Erste Hilfe-Kenntnissen ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken und das Engagement des Einzelnen zu fördern. Folgende Maßnahmen sind aus Sicht des ASB dazu hilfreich: 

1. Erste Hilfe von Anfang an, und zwar ab der Kita.

Jeder Mensch kann Erste Hilfe lernen, und zwar schon ab dem Kindergartenalter. Anderen helfen, sie trösten und im Notfall Hilfe holen, das können schon die Kleinsten. Wer in jungen Jahren lernt, für andere Verantwortung zu übernehmen und zu helfen, tut dies später auch als Erwachsener.

Ab wann Kinder Erste Hilfe lernen, ist bislang abhängig von der Initiative der jeweiligen Bildungseinrichtung. Zwar empfiehlt die Kultusministerkonferenz (Beschluss des 395. Schulausschusses vom 5./6. Juni 2014), dass alle Schüler ab der 7. Klasse jedes Schuljahr zwei Stunden Wiederbelebung trainieren sollen. Der ASB meint aber, dass Schüler schon früher an die Erste Hilfe herangeführt werden sollten. Zusammen mit dem Jugendrotkreuz setzt sich sein Jugendverband, die Arbeiter-Samariter-Jugend, mit der Initiative „Erste Hilfe auf den Bildungsplan" für Erste Hilfe als Unterrichtsstoff ab der Grundschule ein.

Die Forderungen des Arbeiter-Samariter-Bundes

  • Eine regelmäßige Ausbildung in Erster Hilfe sollte schon in der Grundschule beginnen.
  • Darüber hinaus fordert der ASB, dass Erste Hilfe altersgerecht und spielerisch auch schon im Kindergarten gelehrt wird.

2. Warnwestenpflicht nicht nur für jedes Fahrzeug, sondern auch für jeden Fahrzeuginsassen.

Seit dem 1. Juli 2014 muss in jedem zugelassenen privaten Fahrzeug, egal ob Pkw, Lastkraftwagen oder Bus, eine Warnweste für den Fahrer vorhanden sein. Warnwesten für andere Fahrzeuginsassen schreibt der Gesetzgeber nicht vor. Er schreibt auch nicht vor, dass die Warnweste bei privat genutzten Fahrzeugen bei einem Unfall oder einer Panne getragen werden muss. Diese Pflicht besteht nur bei gewerblich genutzten Fahrzeugen.

In seinen Erste-Hilfe-Kursen und Lehrgängen zu Lebensrettenden Sofortmaßnamen empfiehlt der ASB Autofahrern, bei einem Unfall oder einer Panne eine reflektierende Warnweste zu tragen. So werden sie bei Dämmerung, Regen oder bei starkem Verkehrsaufkommen von den anderen Autofahrern besser wahrgenommen. Dies erhöht ihre Sicherheit und die der anderen Verkehrsteilnehmer.

Die Forderungen des Arbeiter-Samariter-Bundes

  • Der Gesetzgeber sollte Warnwesten für jeden Fahrzeuginsassen vorschreiben.
  • Darüber hinaus sollte auch bei Privatfahrzeugen das Tragen einer Warnweste bei einem Unfall oder einer Panne Pflicht sein.

3. Schulsanitätsdienst soll in allen Schulen flächendeckend eingeführt werden.

Der Arbeiter-Samariter-Bund engagiert sich bundesweit an Schulen im Bereich des Schulsanitätsdienstes. Von Pädagogen beaufsichtigt und von Ausbildern aus den ASB-Verbänden angeleitet, erwerben Schülerinnen und Schüler in dem 24-stündigen Schulsanitätsdienstlehrgang Kenntnisse in Erster Hilfe, die weit über eine Erste-Hilfe-Grundausbildung hinausgehen. So können sie die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes sinnvoll überbrücken und bei Bedarf lebensrettende Sofortmaßnahmen durchführen.

Die Schulen sind nicht dazu verpflichtet, einen Schulsanitätsdienst in ihrer Einrichtung zu unterhalten.

Die Forderungen des Arbeiter-Samariter-Bundes

  • Einführung von Schulsanitätsdiensten an allen Schulen.
  • Implementierung und Ausweitung der Erste-Hilfe-Ausbildung an Schulen, die über die jährlichen zwei Unterrichtsstunden Wiederbelebungsunterricht ab der 7. Klasse hinausgehen.
  • Das Programm des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe „Medizinische Erstversorgung mit Selbsthilfeinhalten" soll an Schulen fortgesetzt werden.

4. Erste-Hilfe-Kampagnen von Bund und Ländern, damit die Laienreanimationsrate in Deutschland auf über 60 Prozent steigt.

Nach Angaben des Deutschen Reanimationsregisters erleiden jedes Jahr rund 40.000 bis 64.000 Menschen in Deutschland einen plötzlichen Herzstillstand. Ein plötzlicher Herzstillstand kann jeden Menschen, egal welchen Alters, treffen. Nur zehn bis 20 Prozent überleben ihn, obwohl er nicht zwangsläufig zum Tod führen muss. Die Überlebensrate könnte wesentlich höher sein, wenn mehr Mitmenschen sofort Erste Hilfe leisten würden. Nach aktuellen Daten des Deutschen Reanimationsregisters beginnen in Deutschland nur in 16 Prozent der Fälle Laien mit Wiederbelebungsmaßnahmen. In anderen europäischen Ländern beträgt die Laienreanimation hingegen 60 Prozent. Durch eine Steigerung der Überlebensrate nach einem Herzstillstand von zehn auf 20 Prozent könnten 5.000 Menschenleben pro Jahr zusätzlich gerettet werden.

Die Forderungen des Arbeiter-Samariter-Bundes

  • Bund und Länder sollen regelmäßig Erste-Hilfe-Maßnahmen und -Kampagnen durchführen, damit die Laienreanimationsrate in Deutschland – wie in den Niederlanden – auf über 60 Prozent steigt.

5. Flächendeckender Zugang zu Automatischen Externen Defibrillatoren (AED). Rettungs- bzw. Defibrillationsdrohnen im ländlichen Raum einführen.

Der Zugang zu Defibrillatoren in öffentlichen Gebäuden deckt den Bedarf vor allem im ländlichen Raum bei Weitem nicht ab. Besonders dort ist es fast unmöglich, eine effiziente Versorgung mit öffentlich zugänglichen Defibrillatoren zu gewährleisten. Hinzu kommt das Problem, dass viele AED weder in Ballungsgebieten noch auf dem Land rund um die Uhr frei zugänglich sind.

Außerhalb von Ballungsgebieten könnten Defikopter, also mit einem Defibrillator ausgestattete, unbemannte Flugkörper, die durch den Disponenten der zuständigen Rettungsleitstelle gesteuert werden, eine sinnvolle Ergänzung bilden. Aufgrund der relativ großen Reichweite und kombiniert mit einer hohen Fluggeschwindigkeit, können diese Geräte einen großen Raum abdecken und somit den Gesamtbedarf an Defibrillatoren deutlich reduzieren.

Die Forderungen des Arbeiter-Samariter-Bundes

  • Es muss eine optimierte Abdeckung mit AED im öffentlichen Raum geben.
  • Die Anzahl der rund um die Uhr frei zugänglichen AED muss bundesweit steigen.
  • Die Defibrillatoren sollten öffentlich registriert sein, auch über die Rettungsleitstellen.
  • In Zukunft sollen Rettungs- und Defibrillatorendrohnen gerade für den ländlichen Raum eingeführt werden.

6. Kultursensible Erste Hilfe und Erste-Hilfe-Ausbildung.

Laien, aber auch Mitarbeiter im Rettungsdienst erleben im Notfall immer wieder Momente der Verunsicherung, wenn sie auf Verletzte und Unfallopfer aus anderen Kulturkreisen treffen. So weiß zum Beispiel ein männlicher Ersthelfer nicht, ob er bei einer muslimischen Frau mit Kopftuch Mund-zu-Mund-Beatmung durchführen darf. In unserer multikulturellen Gesellschaft sollte deshalb Erste Hilfe kultursensibel gelehrt werden.

Auf der anderen Seite sollten mehr Menschen mit Migrationshintergrund durch gezielte Ansprache als Ersthelfer, aber auch als Sanitäter und Notfallsanitäter für den Rettungsdienst gewonnen werden. Denn diese Zielgruppe ist bei allen Hilfsorganisationen unterrepräsentiert.

Die Forderungen des Arbeiter-Samariter-Bundes

  • Die Hilfsorganisationen brauchen öffentliche Förderung, um eine kultursensible Erste-Hilfe-Ausbildung entwickeln und lehren zu können.
  • Bundesweite öffentliche Kampagnen sollen helfen, mehr Menschen mit Migrationshintergrund als Ersthelfer und als Mitarbeiter im Rettungsdienst zu gewinnen.

7. Inklusive Erste Hilfe und Erste-Hilfe-Ausbildung.

Die meisten Erste-Hilfe-Kurse berücksichtigen nicht die Bedürfnisse von Menschen mit einer Beeinträchtigung. Erste-Hilfe-Kurse für Blinde, wie sie der ASB in Köln anbietet, oder für Gehörlose oder Rollstuhlfahrer gibt es viel zu selten. Umgekehrt gibt es zu wenige freiwillige und hauptamtliche Sanitäter und Notfallsanitäter, die darin geschult sind, sich im Notfall zum Beispiel mit einem Gehörlosen zu verständigen. Hier gibt es genauso wie in der kultursensiblen Ersten Hilfe einen flächendeckenden Nachholbedarf.

Die Forderungen des Arbeiter-Samariter-Bundes

  • Inklusion in der Ersten Hilfe und der Erste-Hilfe-Ausbildung soll vorangetrieben werden. Die ausbildenden Hilfsorganisationen brauchen dafür öffentliche Unterstützung.

8. Europäische Standards für Erste Hilfe und Anerkennung der Zertifikate.

Im Zuge der voranschreitenden Globalisierung und der europäischen Standards ist es erforderlich, die nationalen Qualitätskriterien und Inhalte für Erste Hilfe international anzupassen und europaweit einheitliche Standards für Erste Hilfe zu definieren. Dies ermöglicht eine europaweite gegenseitige Anerkennung von erworbenen Erste-Hilfe-Zertifikaten und sichert hohe Qualitätsstandards. Davon profitieren Fachkräfte und Arbeitnehmer.

Die Forderungen des Arbeiter-Samariter-Bundes

  • Zusammen mit SAMARITAN INTERNATIONAL e.V. fordert der ASB eine Vereinheitlichung und Angleichung der Richtlinien in der Ausbildung von Erster Hilfe und eine Anerkennung der Zertifikate.

9. Erste-Hilfe-Fortbildungspflicht für Erzieher, Lehrer und Trainer.

Bisherige gesetzliche Anforderungen an die Zielgruppe der Erzieher, Lehrer und Übungsleiter sehen zum Großteil nur eine einmalige Grundausbildung in Erster Hilfe und nur für fünf bis zehn Prozent der in diesem Bereich Tätigen eine regelmäßige Fortbildung vor. Hinzu kommt, dass die Unfallversicherungen nur für einen Teil der in Kinderbetreuungseinrichtungen Beschäftigten regelmäßige Aus- und Fortbildungen in Erster Hilfe finanzieren. Bei jährlich rund 1,7 Millionen Unfallverletzten in Bildungs- und Freizeiteinrichtungen sowie im Freizeitsportbereich genügt es nicht, sich lediglich auf eine rettungsdienstliche Versorgung der Verunglückten zu verlassen.

Die Forderungen des Arbeiter-Samariter-Bundes

  • Alle als Erzieher, Lehrer oder Übungsleiter Tätigen sollen zu Erste-Hilfe-Ausbildungen und regelmäßigen Erste-Hilfe-Fortbildungen verpflichtet werden, die von den Unfallversicherungen bezahlt werden.

10. Öffentliche Kampagne zur Bildung von Rettungsgassen auf Bundesautobahnen.

Die Bildung einer Rettungsgasse wurde in Deutschland offiziell 1982 eingeführt und ist in § 11 Abs. 2 StVO gesetzlich geregelt. Das Gesetz ist vielen Verkehrsteilnehmern aber nicht bekannt, weshalb sie sich bei Unfällen verkehrswidrig verhalten und das Vorankommen der Rettungskräfte behindern. Darüber hinaus fehlt vielen Autofahrern das Wissen, wie eine Rettungsgasse gebildet wird.

Die Forderungen des Arbeiter-Samariter-Bundes

  • Wir brauchen in Deutschland – ähnlich wie in Österreich – eine öffentliche Kampagne zur Bildung von Rettungsgassen.