Arbeitsmarktintegration beim ASB NORD-OST

Einen Arbeitsplatz finden, eine Ausbildung machen oder studieren – für viele Menschen, die nach ihrer Flucht in Deutschland angekommen sind, ist das ein Traum. Doch für viele bleibt zunächst offen, wie das konkret funktionieren könnte. Anders beim ASB NORD-OST in und um Stralsund und auf Rügen. Dort gehört ein Arbeitsvermittlungsnetzwerk zum Alltag in der Flüchtlingshilfe. Ein Blick hinter die Kulissen.

  • Aktionstag bei der Feuerwehr: Durch die Kooperation mit Fußballclubs und Vereinen aus der Umgebung entstehen Freundschaften und Kontakte, die den Geflüchteten die Integration erleichtern.
    Foto: ASB NORD-OST
  • In den Gemeinschaftsunterkünften finden regelmäßig Deutschkurse statt. Auch Integrationskurse werden organisiert.
    Foto: ASB NORD-OST
  • Bei den Deutschkursen des ASB NORD-OST wird konsequent erfragt welche Bildungsabschlüsse und Berufserfahrungen die Teilnehmer haben. Ein Arbeitsmarkt-Netzwerk hilft im Anschluss, Praktika, Ausbildungsplätze und Jobs zu vermitteln.
    Foto: ASB NORD-OST
  • In der Freizeit werden die Sprachkenntnisse spielerisch vertieft. Viele freiwillige Helferinnen und Helfer unterstützen die Integrationsbemühungen des ASB.
    Foto: ASB NORD-OST

„Wenn aus Arbeit Berufung wird, aus Integration Freundschaft, dein Arbeitsplatz dein Zuhause wird, dann lebst und liebst du die Betreuung der Flüchtlinge." Stolz zeigt Gero Grabowski den Leitsatz, den die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Flüchtlingshilfe beim ASB NORD-OST gemeinsam entworfen haben. Grabowski ist Bereichsleiter für die Flüchtlingshilfe beim ASB NORD-OST und so wie sein gesamtes Team von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern ist er seit vergangenen September mit Leib und Seele im Einsatz.

„Wir hatten das Glück, dass das Jugendherbergswerk uns über den Winter mehrere Standorte, die in dieser Zeit geschlossen waren, als Gemeinschaftsunterkünfte zur Verfügung gestellt hat", berichtet Grabowski. Denn auch wenn das Wohnen in Jugendherbergen auf der Ferieninsel Rügen erst einmal malerisch klingt, war und ist es für die ASB-Helfer eine echte Herausforderung. „Die Arbeit für und mit den Geflüchteten fordert uns einiges ab", sagt auch ASB-Regionalgeschäftsführer Oliver Lutz. „Gleichzeitig ist die neue Aufgabe auch sehr erfüllend. Und wir sehen, dass mit den Geflüchteten auch Chancen in unsere Region gekommen sind."

Chancen, die die ASB'ler im Norden von Anfang an nutzen wollen. Gemeinsam mit einem Bildungsträger finden in den ASB-Einrichtungen rund um Stralsund und auf Rügen Deutschkurse für alle Altersstufen statt. Dabei wird jedoch nicht nur die Sprache gelernt. Die Lehrer erfassen auch die Bildungsabschlüsse und die Berufserfahrung der Bewohner und versuchen dann gemeinsam mit anderen, sie auf die Integration in den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Dazu hat der ASB NORD-OST ein Netzwerk gebildet, in dem die Jobcenter in der Region, die Agentur für Arbeit und die umliegenden Universitäten und Hochschulen mitarbeiten. Regelmäßig gibt es Informationsveranstaltungen für die Bewohner, bei denen ihnen erklärt wird, wann sie beginnen können, sich Arbeit zu suchen und welche Unterlagen sie dazu brauchen. Ausbildungsplätze, Berufspraktika und Studienplätze wurden bereits erfolgreich vermittelt.

Nadya (Name geändert) aus Damaskus ist ein solches Erfolgsbeispiel. In Syrien hat die junge Frau einen Bachelor in IT-Management abgelegt. Nun kann sie weiterstudieren und den Master machen. Die Universität in Düsseldorf hat sie angenommen. „Ich freue mich riesig auf den Studienbeginn", sagt die junge Frau. Jetzt fehlt ihr nur noch eine Wohnung. Doch auch wenn es schwer ist, in den Großstädten etwas Passendes zu finden, ist sie zuversichtlich: „Das schaffe ich auch noch. Und vielleicht kann ich ja später beim ASB mitmachen und etwas zurückgeben von dem, was ich hier an Hilfe erfahren habe."

Auch für die sportliche Integration wird in und um Stralsund viel getan: Probetrainings mit Fußballteams ermöglichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen Kontakte mit Gleichaltrigen mit denselben Interessen. Das klappt im Kleinen wie im Großen: Ein Profiboxer aus Syrien konnte erfolgreich an einen Box Club vermittelt werden, so dass er weiter trainieren und in Zukunft wieder an Wettkämpfen teilnehmen kann.

Konkrete Hilfe zeigt Berufsperspektiven auf

Auch für Yasser hat sich dieser Einsatz bereits ausgezahlt. Der junge Syrer floh, als Milizen ihn zum Kampf zwingen wollten. „Ich hatte keine Wahl. Entweder ich würde zum Mörder oder sie würden mich töten" sagt er in fließendem Englisch. Auch ein wenig Deutsch hat er schon gelernt, „aber nicht genug", wie er lachend hinzufügt. Er lernt jeden Tag fleißig Vokabeln und Grammatik, denn durch eine Veranstaltung des ASB hat er erfahren, dass es die Möglichkeit gibt, dass sein Studium der Elektrotechnik in Deutschland anerkannt wird. „Ich wollte erst weiter nach Berlin, aber dann habe ich erfahren, dass hier in der Region gute Arbeitskräfte gesucht werden. Es gefällt mir gut hier und ich würde gerne bleiben und etwas beitragen", sagt der junge Mann.

Auch Mustafa, der mit seiner Frau und ihren sechs Kindern vor dem Bombenhagel in Homs geflohen ist, lobt den Einsatz des ASB. „Die Mitarbeiter versuchen, genau herauszufinden, was wir können und welche Zeugnisse wir vielleicht dabeihaben oder beschaffen können", sagt der Familienvater. Er hat kein Studium, hat aber einen LKW-Führerschein und viel Erfahrung beim Umgang mit Holz. „Ich habe zwar keine Ausbildung als Tischler, aber ich habe lange in diesem Beruf gearbeitet", erzählt er. Nun hofft er, dass er bei einem Praktikum zeigen kann, was er alles beherrscht, um so Arbeit zu finden. „Ich kann aber auch Lastwagen fahren oder etwas Neues lernen, um meine Familie selbst zu ernähren", sagt der 45-jährige Syrer.

Damit diese Träume ihrer Bewohner wahr werden, setzt sich das ASB-Team schon vor dem Eintreffen der Anerkennungsbescheide für deren Realisierung ein. „Wir versuchen, unsere Gäste so gut wie möglich darauf vorzubereiten, nach der Anerkennung und dem Verlassen der Gemeinschaftsunterkünfte auf eigenen Beinen zu stehen", sagt Bereichsleiter Gero Grabowski. Das Schaffen von stabilen Beziehungen und Freundschaften mit Einheimischen gehört ebenso dazu wie dezentrale Wohnprojekte für Familien.

Positiver Umgang mit Kritikern

Ein Engagement, das nicht überall auf Gegenliebe stößt. „Vor allem zu Beginn gab es sehr starke Kritik an unserem Einsatz für die Flüchtlinge", berichtet Gero Grabowski. „In einigen Teilen der Bevölkerung wurden und werden die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, sehr heftig abgelehnt." Der ASB versucht, durch Aufklärung und offene Ohren und Türen, die Vorurteile abzubauen. „Bei Bürgerversammlungen haben wir die Anwohner darüber informiert, was wir planen und wie viele Flüchtlinge wo leben werden", sagt Oliver Lutz, der Geschäftsführer des ASB NORD-OST. „Wir sensibilisieren aber auch die Flüchtlinge und erklären ihnen, wie sie mit Anfeindungen, zum Beispiel beim Einkaufen oder bei Spaziergängen, umgehen können." Viele sind erstaunt darüber, dass die Polizei in Deutschland bei Bedrohungen und Auseinandersetzungen hilft. In ihren Heimatländern haben sie oft andere Erfahrungen gemacht.

„Besonders wichtig ist uns, dass die Kritiker unsere Einrichtungen besuchen dürfen", sagt Gero Grabowski. Und erinnert sich an eine Begegnung, die ihn besonders gefreut hat. „An einem unserer Standorte riefen Einwohner Beleidigungen über die Straße. Da haben wir sie zum Kaffeetrinken in unsere Unterkunft eingeladen. Sie sind wirklich gekommen. Und haben dabei gesehen, wie neue Bewohner ankamen, deren Kinder nicht einmal Socken hatten." Daraufhin seien die Kritiker am nächsten Tag mit Spenden für die Kleiderkammer wiedergekommen.

  • Bei gemeinsamen Feiern wie hier bei der Silvesterparty, lernen die Gäste deutsche Bräuche kennen.
    Foto: ASB NORD-OST
  • An Karneval haben große und kleine Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft gemeinsam mit den Helferinnen und Helfern Masken gebastelt - ein deutscher Brauch, der bei allen gut ankam.
    Foto: ASB NORD-Ost
  • An Weihnachten durfte ein Weihnachtsmann nicht fehlen. Außerdem gab es ein Krippenspiel für die Kinder und viel Weihnachtsmusik.
    Foto: ASB NORD-OST

Gemeinsame Feiern helfen beim Ankommen

Damit das Engagement für die Geflüchteten nicht nur theoretisch bleibt und sie ihr neues Heimatland mit all seinen Sitten und Bräuchen von Anfang an intensiv kennenlernen, organisieren die Einrichtungen des ASB NORD-OST Feiern rund um die typisch deutschen Feste. So gab es vor Weihnachten gemeinsames Plätzchen backen und in einer Einrichtung sogar ein Krippenspiel. War Schnee gefallen, wurden natürlich Schneemänner gebaut, an Karneval gab es eine Party mit Kostümen und Tanz.

In der Silvesternacht schließlich wurde nicht nur der Jahreswechsel zelebriert, sondern auch der Geburtstag von vielen Bewohnern der Einrichtungen. „Einige unserer Gäste haben keinen echten Geburtstag, weil er in ihrem Heimatland nicht aufgeschrieben wurde", sagt Gero Grabowski. „Wer sein Geburtsdatum nicht weiß, bekommt von den deutschen Behörden den 1. Januar als Geburtstag zugewiesen. Daher haben an diesem Tag viele unserer Gäste gleichzeitig Geburtstag. Da gab es Partyhütchen und Geburtstagskuchen und Topfschlagen für die Kinder – so wie wir hier eben Geburtstag feiern."

Hintergrund:

Auch an anderen Standorten tut der ASB viel für die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt. Ähnlich wie beim ASB NORD-OST gibt es mittlerweile auch beim Nachbarverband, dem ASB Neubrandenburg/Mecklenburg-Strelitz ein Netzwerk zur Berufseingliederung. Handwerkskammer, Jobcenter und Arge gehören zu den Partnern, mit denen der ASB seinen Gästen einen Start ins Berufsleben ermöglichen möchte.

In Hessen kümmert sich die ASB-eigene Personalvermittlungsagentur VIVO um die Erfassung von Bildungsabschlüssen und  beruflichen Kenntnissen der Bewohner in ASB-Einrichtungen. Die ASB-Experten helfen auch bei der Überwindung bürokratischer und persönlicher Herausforderungen und unterstützen Geflüchtete bei der Anerkennung von Zeugnissen und Abschlüssen.

Beim ASB Bochum gibt es ein Modellprojekt, bei dem gemeinsam mit der Technischen Universität Bochum eine Methode der Berufs- und Bildungserfassung entwickelt wird. Diese erfragt nicht nur die Bildungsabschlüsse der Geflüchteten, sondern erfasst auch gezielt, in welchen Bereichen diese bereits Berufserfahrung vorweisen können, für welche Arbeiten sie Zeugnisse oder Referenzen vorweisen können und für welche Fachbereiche sie sich in Deutschland besonders interessieren. Am Ende erhält jeder Teilnehmer einen ASB-Bildungspass, mit dem er die erfassten Informationen auch anderen Stellen, zum Beispiel dem Jobcenter, zugängig machen kann.

ASB-Leuchttürme der Flüchtlingshilfe und Integration