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Knut Fleckenstein im Porträt

Der Brückenbauer

Nach 16 Jahren an der Spitze des ASB verabschiedet sich Knut Fleckenstein im November aus dem Bundesvorstand. Er hinterlässt einen politischeren, weiblicheren und selbstbewussteren Verband – und viele Menschen, die ihm verbunden bleiben.

Autorin: Diana Zinkler

16 Jahre – so lange war Angela Merkel Bundeskanzlerin, so lange steht Knut Fleckenstein dem Arbeiter-Samariter-Bund als Bundesvorsitzender vor. Im November endet seine Amtszeit. „Mir geht es wie Angela Merkel: Genug ist genug“, sagt er, mit der ihm eigenen Mischung aus hanseatischer Nüchternheit und feinem Humor. Es sei eine sehr lange Zeit gewesen, die längste Amtszeit eines ASB-Bundesvorsitzenden in diesem Jahrhundert. Und doch, fügt er hinzu, freue er sich, „dass es so gut aufhört“.

Wenn Knut Fleckenstein auf diese Jahre zurückblickt, spricht er nicht zuerst über das, was er selbst erreicht hat. Er spricht über die Menschen, die den ASB tragen. „Mir ist bewusst, dass ein Vorsitzender oder ein Vorstand den Ruf des ASB sehr schnell ruinieren kann. Dass wir in der Bevölkerung einen so guten Ruf genießen, verdanken wir aber den ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitenden. Ohne sie geht es nicht.“

31 Jahre ist es her, dass Fleckensteins Weg beim ASB begann. Über die St.-Petersburg-Hilfe des Hamburger Landesverbandes kam er 1995 zum Verband. 15 Jahre lang führte er den ASB Hamburg als Landesgeschäftsführer, sanierte den von der Insolvenz bedrohten Landesverband und musste manche unangenehme Entscheidung treffen. Als er 2010 auf der Bundeskonferenz in Dresden zum Bundesvorsitzenden gewählt wurde, gehörte er bereits dem Europäischen Parlament an. Bis 2019 blieb er Europaabgeordneter, zeitweise als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der europäischen Sozialdemokraten. Für sein sein jahrzehntelanges außergewöhnliches und vielfältiges ehrenamtliches Engagement, das weit über den ASB hinausgeht wurde er 2022 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

Politik und ASB waren für Knut Fleckenstein nie getrennte Welten. In seiner Amtszeit rückte der Bundesverband näher an Politik und Medien heran. „Wir sind in Berlin angekommen“, sagt er. Der ASB ist politischer geworden – nicht parteipolitisch, sondern als anwaltschaftliche Stimme seiner 1,6 Millionen Mitglieder und der Menschen, für die er arbeitet. Der Verband bezog klarer Position für eine offene, demokratische Gesellschaft und stellte sich an die Seite derjenigen, „die Menschen zusammenführen und nicht spalten“.

Das entspricht Fleckensteins Selbstverständnis. Er sieht sich als Brückenbauer: zwischen Menschen und Generationen, Organisationen und Staaten. Für ihn bedeutet das, das Miteinander über das Gegeneinander zu stellen. Zuhören, vermitteln, unterschiedliche Interessen zusammenführen – und Haltung zeigen, wenn demokratische Werte infrage gestellt werden. Das Brückenbauen war für ihn dabei nie nur politische Strategie. Es ist seine Art, Menschen zu begegnen.

In seine Amtszeit fallen auch wichtige Weichenstellungen für die Zukunft des Verbandes. Mit dem Potsdamer Dialogprozess stieß Fleckenstein einen umfassenden Strategie- und Verbandsentwicklungsprozess an. Im Mittelpunkt stehen Nachhaltigkeit, Vielfalt, Digitalisierung, Compliance, Marketing und Fundraising – und die Frage, wie Bundesverband, Landesverbände und örtliche Gliederungen transparenter, verlässlicher und stärker über Verbandsgrenzen hinweg zusammenarbeiten können. Auch die Richtlinie zum Umgang mit menschenfeindlichen und rechtsextremen Positionen und Parteien trägt seine Handschrift. Sie gibt dem ASB einen verbindlichen Rahmen, um seiner Haltung auch innerhalb des Verbandes Geltung zu verschaffen: Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus haben im ASB keinen Platz.

Auch den Verband selbst hat er verändert. Zu Beginn seiner Amtszeit saß nur eine Frau im Bundesvorstand. „Der ASB war ein Herrenclub“, sagt Fleckenstein rückblickend. Heute ist die Hälfte der Vorstandsmitglieder weiblich, mit Katarina Barley steht nach Annemarie Renger erstmals wieder eine Präsidentin an der Spitze des Verbandes, und mit Sabine Wölfle soll im November eine Frau den Bundesvorsitz übernehmen. „Sie ist gerade in diesen politischen Zeiten eine gute Wahl“, sagt Fleckenstein. Zudem sei sie die Richtige, den notwendigen Generationswechsel auf den Weg zu bringen.

Zu seiner Bilanz zählt er außerdem Investitionen in neue Aktivitäten, die wirtschaftliche Stabilisierung von Verbandsteilen und die bereits beschlossene Tarifbindung für die Bundesgeschäftsstelle. Es sei für ihn nur schwer verständlich gewesen, dass sich eine Organisation, die aus der Arbeiterbewegung entstanden ist, mit Tarifverträgen so schwertat.

Besonders nah ist Fleckenstein bis heute die internationale Arbeit. Er reiste während der Fluchtbewegungen 2015 und 2016 entlang der Balkanroute, besuchte Hilfsprojekte in Südosteuropa und fuhr 2023 in die Ukraine. Der ASB, sagt er, sei schon vor dem russischen Angriff dort gewesen, geblieben und habe weitergeholfen. Seit 2011 ist Fleckenstein Präsident von Samaritan International – er wurde gerade noch einmal für fünf Jahre gewählt. Auch deshalb wird er dem ASB nach seinem Abschied aus dem Bundesvorstand verbunden bleiben.

Und dann ist da der Wünschewagen. Anfangs habe er sich gefragt, ob sich die Idee überhaupt umsetzen lasse. Bald erkannte er darin etwas, das für ihn den ASB im Innersten ausmacht: eine unmittelbar wirksame, menschliche Geste. Der ASB helfe Menschen, ihre Chancen im Leben zu erweitern – und lasse sie auch dann nicht allein, wenn dieses Leben zu Ende geht. Was ihn am Verband bis heute begeistert? „Die hohe Professionalität, die Menschlichkeit und die Wärme.“

Diese Wärme prägt auch die Beziehungen, die in den gemeinsamen Jahren entstanden sind. Fleckenstein sagt, er habe stets das Gefühl gehabt, im Bundesvorstand „mit elf Freunden zusammenzuarbeiten“. Meinungsverschiedenheiten gehörten dazu, doch am Ende sei es immer wieder gelungen, eine gemeinsame Linie zu finden. Sein langjähriger Stellvertreter Uwe Borchmann beschreibt, was davon über die gemeinsame Amtszeit hinaus bleiben wird: „Knut Fleckenstein ist es gelungen, Menschen mit unterschiedlichen Charakteren und Persönlichkeiten zu vereinen. Das hat viel dazu beigetragen, dass sich der ASB-Bundesverband in diesen 16 Jahren hervorragend weiterentwickeln konnte. Auch wenn unsere gemeinsame Zeit im Vorstand endet, wird mir der Freund Knut Fleckenstein bleiben.“

Christine Theiss, die er 2014 nach ihren Worten in den Bundesvorstand „lockte“, hebt seine ruhige, pragmatische Art hervor, seine Erfahrung und sein Netzwerk, aber auch seinen feinen Humor, seine Empathie und seinen „ASB-Stallgeruch“. „Ich könnte noch 1.000 weitere Zeilen schreiben“, sagt sie. „Verdient hätte er jedes Wort.“

ASB-Hauptgeschäftsführer Dr. Uwe Martin Fichtmüller über Knut Fleckenstein:

„Über weit mehr als zwei Jahrzehnte habe ich Knut als einen Menschen erlebt, dem der ASB Herzensangelegenheit ist – ob als grandioser Spendensammler nach der Elbeflut 2002 in und um Dresden, als hoch geschätzter und stets gefragter Kollege im Kreise der Landesgeschäftsführungen, bei gemeinsamen Projekten und Netzwerken, beim gemeinsamen Nachdenken darüber, was den ASB voranbringen könnte, und schließlich als Bundesvorsitzender, der gänzlich neue Maßstäbe für dieses Amt setzte, Entwicklungsprozesse und Positionierungen anstieß und begleitete sowie Projekte verschiedenster Art unterstützte. Immer nahbar, zugewandt und mitten im Verband verankert.

Als er mich 2020 fragte, ob ich als Bundesgeschäftsführer zur Verfügung stehen würde, fand er nicht gänzlich verschlossene Türen – auf seine unverwechselbar zugewandte und mitmenschliche Art hat er mich bei meiner Verantwortung gepackt und genau den richtigen Knopf gedrückt. Diese sechs Jahre des gemeinsamen Weges waren von Vertrauen und Dynamik geprägt, eine Zeit, die ich persönlich wie beruflich nicht mehr missen möchte."

Ganz aus dem ASB verabschiedet sich Knut Fleckenstein wegen seiner Präsidentschaft bei Samariter International ohnehin nicht. Nur aus der ersten Reihe zieht er sich zurück. Vielleicht ist das für einen Brückenbauer der passende Abschied: Er macht den Weg frei für neue Menschen und Ideen an der Spitze – und sorgt dafür, dass das Band zwischen ihm und dem ASB hält.

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