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Wie der ASB in Hamburg einen Ort gegen die Hitze geschaffen hat

Zuflucht in Halle 15

Immer mehr Hitzewellen verändern den Alltag in Deutschland. Für ältere Menschen, Obdachlose oder chronisch Kranke können sie lebensgefährlich werden. In Hamburg hat der ASB deshalb eine alte Panzergarage in einen Ort verwandelt, an dem Menschen der Hitze entkommen können – die erste „Kühle Zone“ des Verbands. Ein Besuch in der Halle 15.

Autorin: Stella Lueneberg

In dem fensterlosen Raum der Halle 15 kann man die Sonne sehen. Wenn man an den Bücherregalen und Feldbetten vorbeischaut, strahlt sie einen an. Mit hellgelben Pinselstrichen ist sie an die Wand gemalt. Daneben lehnt ein Bildband auf der Heizung: Weiße Gletscher, Pinguine, blauer Himmel. Es ist ein Buch über die Antarktis.

“Damit man sich kühle Gedanken machen kann”, sagt Harald Krüger. In einem dunkelblauen Polohemd steht er im Türrahmen. Er ist der stellvertretende Vorsitzende des Ortsverbands Hamburg-Mitte des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB). Gerade hat er das Licht angeknipst, sodass der Raum von den Neon-Leuchtröhren angestrahlt wird. Sein Hund Ato tapst vorbei am Kickertisch und zusammengewürfelten Sesseln. Es sieht hier ein bisschen aus wie eine Mischung aus Hobbykeller und Second-Hand-Laden. 

Dass es diesen Ort in Hamburg gibt, ist Krüger zu verdanken. Er hat gemeinsam mit vielen Freiwilligen die Bücherregale befüllt, die Liegen aufgeklappt und Gummibärchen in kleinen Schalen auf den Tischen verteilt. Er hat als Erster beim ASB das geschaffen, was in Deutschland vielen gefehlt hat: Ein Zufluchtsort vor der Hitzewelle

Diesen Sommer haben viele in Deutschland spüren können, was es heißt, sich nach Kälte zu sehnen. Es wird immer heißer. Die Wälder fingen Feuer, die Betonwüsten der Innenstädte wurden zum Grill und die Dachgeschosswohnungen zur Sauna. 

Im Juni meldete der Deutsche Wetterdienst drei Tage hintereinander die höchste jemals gemessene Temperatur in Deutschland. Auch in Hamburg stiegen die Temperaturen kurzzeitig über 39 Grad. Wie das Robert Koch-Institut mitteilte, sind in diesem Jahr bis Mitte August etwa 15.800 Menschen wegen der Hitze gestorben. Für viele Menschen gab es besonders in Städten kein Entkommen vor der Hitze. Es fehlen öffentliche, kühle Orte. 

Ein neuer Zweck für Halle 15

Krüger führt mit seinem Hund Ato durch die einzelnen Räume der Halle. Das Gebäude ist eine ehemalige Panzerhalle der Wehrmacht. Die dicken Backsteinwände schirmen die Hitze von draußen ab. “Es wird hier nie richtig warm. Unser Hausmeister sagt, er habe hier drinnen noch nie über 22 Grad gemessen”, sagt er mit ausladender Geste. “Als wir neulich diese extreme Hitzewelle von fast 40 Grad in Hamburg hatten, dachten wir uns: Machen wir diesen Nachteil doch zum Vorteil!”

Insgesamt fünf Räume formen die Kühle Zone. “Einen Raum kann man gut abdunkeln, dort haben wir Liegen aufgestellt, falls jemand die ganze Nacht wegen der Hitze nicht schlafen konnte. In den anderen Räumen gibt es gemütliche Sessel, Zeitungen, kaltes Wasser und Kaffee. Da wir über eine Bibliothek von rund 30.000 Büchern verfügen, kann man sich auch wunderbar beschäftigen”, sagt Krüger. An dem langen Korridor zwischen den Räumen hängen viele Bilderrahmen. Über den Köpfen werden auf einer zweiten Ebene nochmals hunderte Bücher gelagert. 

Krüger geht in den Raum, der wie der Gastraum eines etwas zusammengewürfelten Cafés aussieht. Hier stehen viele runde Tische, die mit blumig verziertem Geschirr eingedeckt sind. Krüger schenkt Kaffee aus und lädt ein, sich ein Stück vom Mohnstreuselkuchen zu nehmen. 

Das mit der Kühlen Zone hat er nicht erfunden. Das betont er gewissenhaft. Erstmals entstand sie in San Diego, später griff das Rote Kreuz in Wien die Idee auf. Dort gibt es mittlerweile neunzehn solcher Orte. “Meines Wissens nach gibt es so ein Angebot in Deutschland in dieser Form noch nicht”, sagt er. Doch die Resonanz sei extrem positiv.

Viele Städte entwickeln Strategien, um ihre Bewohner vor Hitze zu schützen. Bibliotheken, Museen oder Bürgerhäuser werden zu Zufluchtsorten. Interaktive Karten, wie es sie etwa in Hamburg, Köln oder Dresden gibt, zeigen die kühlsten Plätze der Stadt. Doch solche Konzepte greifen besser, wenn es Engagierte wie Krüger gibt, die Leute im Viertel auch dazu einladen, vorbeizukommen – nicht nur als letzten Ausweg, sondern zum Verweilen.

 

Besucher in der Kühlen Zone

Krüger erzählt von denjenigen, die an heißen Tagen die Halle 15 besuchen. “Es kommen ganz unterschiedliche Menschen”, sagt er. Da ist die junge Frau, die es auf dem stickigen Flur des benachbarten Krankenhauses nicht mehr ausgehalten hat. Oder der ältere Herr, der in seiner Dachgeschosswohnung schwitzte und seinen letzten Urlaubstag hier verbracht hat. Auch manche Handwerker verschnaufen sich hier kurz auf der Durchreise von einem Termin zum nächsten.

Der ASB-Ortsverband hat die Polizei und ambulante Pflegedienste informiert, dass es hier einen Ort gibt, zu dem sie ältere Menschen schicken können. “Wir betreiben hier klassische Gemeinwesenarbeit und wirken gegen Vereinsamung. Die Kühle Zone und unsere Bücher sind im Grunde auch ein schönes Vehikel, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen”, sagt Krüger. 

An diesem Freitag im August macht die Hitzewelle eine kleine Pause. Es sind 26 Grad in Hamburg und es geht eine leichte Brise. Trotzdem kommen drei Besucher in die Halle. Zwei junge Erwachsene schlendern mit ihrer Mutter an den Bücherregalen vorbei. Sie hat noch einen intravenösen Zugang am Arm hängen. Sie suchen ein Buch für sie, damit die Zeit im Krankenzimmer schneller vorbeigeht. Die Mutter schaut begeistert, als sie das Buch “Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt” von Orhan Parmuk entdeckt. Sie stecken es ein. 

Der Sohn Julian lebt eigentlich in Singapur, um dort seine Doktorarbeit zu schreiben. Er ist es schon gewohnt, dass fast jeder Haushalt eine Klimaanlage hat. “Dort ist es immer warm, das ganze Jahr über”, sagt er. “Alle flüchten sich in die klimatisierten Shoppingzentren”, sagt er. “Das ist auch einer der Gründe, warum ich nicht dort bleiben will”

Temperaturen wie in Singapur wird Hamburg nicht so schnell erreichen. Bis 2050 soll die Stadt aber Hitzewellen erleben, wie man sie sonst aus Norditalien kennt. Auch in Berlin, Köln und München werde das Thermometer bis 2050 stark nach oben klettern, berechnete ein Forscherteam um von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. In Deutschland wird man lernen müssen, mit der Hitze zu leben, statt sie als Ausnahmezustand zu betrachten. 

Die Nachfrage nach Ventilatoren und Klimaanlagen stieg im Jahr 2026 rasant an. Wer es sich leisten kann, kauft sich den kühlen Ort eben selbst. Die anderen bleiben der Hitze ungleich stärker ausgeliefert. Hitze wird somit zur sozialen Frage.

 

Ein neuer Bevölkerungsschutz

Während des Klimawandels verändert sich auch das Verständnis von dem, was Bevölkerungsschutz für den ASB ausmacht, sagt Krüger. Mehr Überschwemmungen, Umweltkatastrophen oder Extremwetter fordern ein Umsteuern. Langfristig sollte die Halle 15 zu einem Zivilschutzzentrum umgebaut werden. 

Dabei war die Halle 15 schon lange ein Ort, wo angepackt wurde, wenn Hilfe gebraucht wurde. In den Garagen des ehemaligen Kasernengeländes werden Hilfsgüter für Krisengebiete gesammelt, Lebensmittel der Tafel ausgegeben und ein Kulturprogramm auf die Beine gestellt, was Begegnungen im Viertel fördert. Hier werden dank vieler Freiwilliger vom ASB die großen Missstände der Gegenwart nicht einfach so akzeptiert. Es wird im Kleinen etwas getan, gegen Elend, Armut, Einsamkeit. Und jetzt auch noch gegen die Hitze.

“Es wird wärmer, und wir werden vermehrt mit Menschen zu tun haben, denen die Hitze stark zusetzt. Es muss Zonen geben, in denen Menschen zur Ruhe kommen können. Wir als Hilfsorganisation sehen es als unsere Aufgabe, so etwas niederschwellig anzubieten. Der Aufwand ist gering: Wir brauchten nur die Räume, ein paar Sessel, Ventilatoren und Getränke”, sagt er. 

Als Krüger mit seinem Hund vor die Tür geht, regnet es. Der rote Aufsteller mit der Aufschrift „Kühle Zone“ wird ganz nass. Für heute kann Krüger Feierabend machen. Es warten noch viele heiße Tage.

“Wir betreiben hier klassische Gemeinwesenarbeit und wirken gegen Vereinsamung. Die Kühle Zone und unsere Bücher sind im Grunde auch ein schönes Vehikel, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen”

Harald Krüger

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Diana Zinkler

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