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Holocaust-Gedenken

Schicksal von Kieler ASB-Arzt dient als Warnung

Vor 81 Jahren befreiten sowjetische Truppen das Vernichtungslager Auschwitz. Das heutige Datum steht wie kein anderes für den beispiellosen Völkermord an Millionen europäischen Juden, den das NS-Regime im Zweiten Weltkrieg beging.

Stellvertretend für die Millionen Einzelschicksale erinnern wir an den jüdischen Arzt Dr. Carl Martin Steilberger, der sich bereits als junger Mediziner nach dem Ersten Weltkrieg in der ASB-Kolonne Kiel engagiert hatte.

Als Kolonnenarzt verantwortete Steilberger die Ausbildung der Samariter in Kiel, führte Kurse durch und nahm Prüfungen ab. Nach dem Verbot des Arbeiter-Samariter-Bundes im Jahr 1933 praktizierte Steilberger zunächst in seiner Kieler Praxis weiter, sah sich jedoch zusehends Repressionen und gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt und floh mit seiner Frau und seinem Sohn im Juni 1936 nach Dänemark.

Dr. Carl Martin Steilberger (rechts) war bis zum Verbot des ASB durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 als Kolonnenarzt aktiv

Dr. Carl Martin Steilberger (rechts) war bis zum Verbot des ASB durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 als Kolonnenarzt aktiv

Foto: ASB

Nächtliche Flucht endet in Tragödie

Dort erhielt Steilberger keine Arbeitserlaubnis, die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen in Kopenhagen. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und dem Rücktritt der dänischen Regierung war es für die jüdische Familie auch in Dänemark nicht mehr sicher. Mitglieder des dänischen Widerstandes organisierten mit kleinen Rettungsbooten die gefährliche Weiterflucht nach Schweden für über 7000 Menschen.

Am 10. Oktober begann die nächtliche Überfahrt auch für die Familie Steilberger – und endete in der Tragödie. Die versehentliche Kollision mit einem schwedischen Küstenschutz kostete Dr. Carl Martin Steilberger und Marie Steilberger das Leben. Sie wurden 50 und 49 Jahre alt.

Jahre später schilderte ihr Sohn Hans-Harald Steilberger die dramatischen Ereignisse: "Wir verließen die dänische Küste in einem kleinen Boot gemeinsam mit anderen Flüchtlingen. Kurz vor der schwedischen Insel Ven wurde unser Boot, das sicherheitshalber keine Beleuchtung hatte, von einem schwedischen Hilfsboot mittschiffs gerammt. Das Boot ging unter und meine Eltern kamen neben anderen Personen in den Fluten um. Ich wurde gerettet."

“Wir müssen wachsamer sein” 

Nicht nur am heutigen Tag erinnern in der Holtenauer Straße in Kiel vor Steilbergers ehemaliger Praxis zwei Stolpersteine an das Schicksal des Ehepaares. Bislang rund 116.000 verlegte Steine in 31 europäischen Ländern sollen die Erinnerung an das beispiellose Leid des Holocaust lebendig halten und Warnung für heutige Generationen sein.

“Das unermessliche Leid, das von uns Deutschen ausging, muss stets Mahnung und gesellschaftlicher Auftrag sein”, sagt der ASB-Bundesvorsitzende Knut Fleckenstein. “Gerade die heutige Zeit belegt: Wir müssen wachsamer sein und uns Antisemitismus sowie rechtem Gedankengut immer wieder entschlossen entgegenstellen.”

Der ASB und der Nationalsozialismus

Mehr Informationen über Dr. Carl Martin Steilberger, weitere Biografien von ASB-Mitgliedern sowie die Rolle des Arbeiter-Samariter-Bundes vor, während und nach der NS-Zeit sind in dieser Publikation aufbereitet: 

"Der Arbeiter-Samariter-Bund und der Nationalsozialismus"

Autoren: Marthe Burfeind, Dr. Nils Köhler, Dr. Rainer Stommer
208 Seiten, 2019 im Ch. Links-Verlag erschienen, Preis: 25 Euro