Zwischen Reform und Menschenwürde: ASB-Pflegekongress stärkt die Pflege
Wie gelingt gute Pflege zwischen politischen Umbrüchen, professionellem Anspruch und klaren Werten? Darüber diskutierten vom 7. bis 8. Oktober 2026 mehr als 100 Pflegefach- und Leitungskräfte aus dem ganzen Bundesgebiet beim ASB-Pflegekongress in Fulda. Ziel war es, die Pflege als Profession zu stärken: mit fachlichen Impulsen, Raum zur Reflexion und neuer Kraft für die Herausforderungen des Pflegealltags.
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Berlin/Köln, 13. Oktober 2026 – Die Pflegeversicherung steht unter massivem finanziellem Druck, und die Frage nach einer sozial gerechten und solidarischen Finanzierung der Pflege ist bislang ungeklärt. Aus Sicht des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) darf die Reform der Pflegefinanzierung nicht zulasten der Pflegebedürftigen, ihrer Angehörigen und der Pflegekräfte gehen. Unter dem Motto „Pflege professionell gestalten – Werte leben“ kamen vom 7. bis 8. Oktober 2026 beim ASB-Pflegekongress in Fulda mehr als 100 Pflegefach- und Leitungskräfte aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen, um sich über Strategien und Perspektiven für die pflegerische Versorgung auszutauschen und ihre Zukunft aus fachlicher, ethischer und politischer Sicht zu beleuchten. Die Diskussionen verbanden Fragen zu den Werten und zum Selbstverständnis der Pflegeprofession mit aktuellen pflegepolitischen Entwicklungen, insbesondere dem kurz zuvor vom Bundeskabinett beschlossenen Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG).
Mit dem Ziel, den Pflegeberuf zu stärken und eine würdevolle Pflege zu ermöglichen, vermittelte der Kongress Pflegefach- und Leitungskräften Wissen und gab ihnen zugleich Raum, innezuhalten und Mittel, Kräfte und Reflexionsräume in Bezug auf die Herausforderungen im Pflegealltag zu erhalten.
Pflege zwischen Systemfrage und Menschlichkeit
In ihrer Eröffnungsrede machte ASB-Bundesvorstandsmitglied Sabine Wölfle deutlich, dass Pflege keine Randfrage ist, sondern in die Mitte der Gesellschaft gehört. Sie sei soziale Infrastruktur, vergleichbar mit Schulen, Kitas oder dem Rettungsdienst, und damit eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Kostenträgern, Kommunen, Arbeitgebern und Gesellschaft. Sie betonte: „Wir reden nicht nur über Pflege. Wir reden darüber, wie wir als Gesellschaft leben wollen.“
Wölfle erinnerte daran, dass es bei aller Debatte um Finanzierung und Strukturen am Ende um den Menschen geht und nicht um ein System: um diejenigen, die auf Unterstützung angewiesen sind, und um diejenigen, die sie leisten. Pflege verlange Fachwissen und Urteilskraft, aber auch „die Bereitschaft, einem anderen Menschen Würde zu sichern“, so Wölfle. Professionalität und Menschlichkeit seien deshalb kein Gegensatz, sondern gehörten untrennbar zusammen. Das gelte auch für die Digitalisierung: Technik könne die Pflege entlasten, die menschliche Zuwendung aber niemals ersetzen.
Wölfle rief dazu auf, die Debatten um die Zukunft der Pflege aktiv mitzugestalten. Mit seinen Pflegekräften, Leitungen, Ehrenamtlichen und dem täglichen Wissen darum, was in der Versorgung funktioniert und was nicht, verfüge der ASB über eine besondere Legitimation. Diese Erfahrung gelte es selbstbewusst und fachlich fundiert einzubringen, in Einrichtungen, Kommunen und Parlamenten.
Kontroversen zur Pflegereform: Die Stimme der Praxis
Fachkräftemangel, steigende Kosten und zunehmend schwierige Versorgungsbedingungen begleiten die Pflege seit Langem. Mit dem Pflegeneuordnungsgesetz, das an vielen Stellen Strukturen neu ordnen soll, stellt sich die Frage umso dringlicher, wie Versorgung künftig organisiert sein muss, damit sie verlässlich und bedarfsgerecht bleibt und unter guten Bedingungen möglich ist. Antworten darauf suchten Impulsvortrag und Podiumsdiskussion unter dem Titel „Anders versorgen – besser pflegen. Wie viel Veränderung braucht das System?“: Dr. Stephan Herberg, Leiter des Fachzentrums Pflege und Häusliche Krankenpflege in der Innovations- und Versorgungsforschung der DAK-Gesundheit, verdeutlichte in seinem Vortrag den Bedarf für einen Versorgungsmix, der professionelle Pflege mit der Unterstützung durch An- und Zugehörige und Ehrenamtliche verbindet und gezielt organisiert und koordiniert werden müsse. Eine Schlüsselrolle sieht Herberg in einem Care- und Case-Management, das Pflegebedürftige und ihre Familien als Lotse durch die Versorgung begleitet.
Auf dem Podium diskutierten anschließend Dr. Herberg, Sabine Wölfle und Lucie Cordes, Referatsleitung Pflege/Betreuungs- und Pflegeaufsicht im Gesundheitsministerium Hessen, unter der Moderation von ASB-Pflegereferentin Freja Engelmann über konkrete Anforderungen an Veränderungen im System und die Chancen und Risiken des Pflegeneuordnungsgesetzes. Diskutiert wurden hierbei die Kommunalisierung der Pflege und Quartiersentwicklung sowie die dafür erforderliche Finanzierung. Beifall aus dem Publikum erhielt der Appell, das Pflegeneuordnungsgesetz dürfe kein Spargesetz werden, sondern die Mittel müssten dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Außerdem wurde betont, dass Neuerungen nicht dazu führen dürfen, dass bereits funktionierende Angebote in den ambulanten Diensten geschwächt werden. Vielmehr gelte es, Bewährtes einzubinden und weiterzuentwickeln.
Wie groß der Unmut in der Praxis ist, zeigten die Wortmeldungen aus dem Publikum. Vertreterinnen und Vertreter ambulanter Dienste kritisierten, das Pflegeneuordnungsgesetz schaffe statt echter Strukturveränderungen vor allem Mehraufwand, Bürokratie und Kosten. Hauswirtschaftliche Leistungen, die wegfallen, könne zum Jahreswechsel niemand auffangen. Und gerade dort, wo Dienste mit eigens qualifizierten Pflegeberaterinnen und -beratern bereits leisten, was das Gesetz als Pflegebegleitung vorsieht, drohe ihnen die Finanzierungsgrundlage wegzubrechen.
An einem eigenen Diskussionstisch konnten die Teilnehmenden ihre Erfahrungen zum Pflegeneuordnungsgesetz während des gesamten Kongresses einbringen.
Kongress setzt Impulse für menschenwürdige und zukunftsfähige Pflege
Neben der politischen Debatte setzte der Kongress zahlreiche fachliche Impulse. In ihrer Keynote „Sei ein Mensch! Über die Kostbarkeit der Pflegeberufe“ rückte Ruth Galler, Pflegeexpertin, Pflegefach- und Organisationsberaterin und Systemische Beraterin (DGSF), Menschenwürde und Scham in den Mittelpunkt. Prof.in Dr.in Stefanie Engler, Mitglied der Altersberichtskommission der Bundesregierung, beleuchtete in ihrem Vortrag die Pflege im Wandel zwischen steigenden Anforderungen und guter Sorge. Sie machte deutlich, dass gesellschaftliche Teilhabe nicht vom Alter oder den individuellen Lebensumständen abhängen darf und gerechte Chancen für alle geschaffen werden müssen. In elf Workshops vertieften die Teilnehmenden zentrale Themen des Pflegealltags: von der Begleitung von Menschen mit Demenz und dem Umgang mit Wünschen nach Suizidassistenz bis hin zu Teamresilienz und Sicherheitskultur. Zugleich ging es um die Zukunft des Berufs, etwa um den Einsatz von KI, die Rolle des Pflegestudiums, die Integration internationaler Pflegekräfte als auch um Nachhaltigkeit im Pflegealltag.
Werte, die verbinden
Wie eng Werte und Rahmenbedingungen zusammenhängen, zeigte sich auch, als die Teilnehmenden zusammentrugen, was gute Pflege für sie ausmacht. Im Zentrum stand dabei immer wieder der Mensch, mit seiner Würde, seinem Recht auf Selbstbestimmung und dem Bedürfnis, sich gut aufgehoben zu fühlen. Ebenso deutlich wurde aber auch, dass Zuwendung und Menschlichkeit nicht allein vom guten Willen der Pflegekräfte abhängen können. Sie brauchen Zeit, starke Teams und Arbeitsbedingungen, unter denen Pflegekräfte selbst gesund und zufrieden bleiben. Genau darin liegt der Kern des Kongressmottos: Professionelle Pflege und gelebte Werte bedingen einander, und beide brauchen politische Entscheidungen, die sie möglich machen. Oder, wie es eine der Rückmeldungen auf den Punkt brachte: „Leben gestalten anstatt zu verwalten.“
