„Vielleicht brauchen Menschen wieder stärker das Gefühl, gebraucht zu werden.“
Berlin, 8. Juli 2026 – Für ihr jahrzehntelanges Engagement gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und gesellschaftliche Ausgrenzung hat der Arbeiter-Samariter-Bund Schauspielerin Iris Berben mit dem Annemarie-Renger-Preis 2026 ausgezeichnet. Im Interview spricht sie über Verantwortung, Demokratie und Zusammenhalt – und darüber, warum zivilgesellschaftliches Engagement gerade heute unverzichtbar ist.
Frau Berben, Sie engagieren sich seit Jahrzehnten gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung. Gab es einen Moment in Ihrem Leben, der dieses Engagement besonders geprägt hat?
Iris Berben: Der entscheidende Impuls kam, als ich in den 1960er-Jahren zum ersten Mal nach Israel gereist bin. Ich bin mit vielen Fragen und auch mit viel Unwissen dorthin gefahren. Ich habe sehr schnell begriffen, wie sehr tief, traurig und schmerzhaft Deutschland und Israel durch den Holocaust miteinander verbunden sind. Es waren dann die persönlichen Begegnungen mit Überlebenden die mich besonders geprägt haben. Aus diesen Gesprächen ist für mich die Überzeugung gewachsen, dass wir Verantwortung für das übernehmen müssen, was geschehen ist – und dafür, dass sich so etwas niemals wiederholt.
Sie hätten sich auch einfach auf Ihre Schauspielkarriere konzentrieren können. Gab es nie Überlegungen sich gesellschaftlich oder politisch zurückzuhalten, gerade als Sie eine gewisse Bekanntheit erreicht hatten?
Iris Berben: Ich gehöre zur 68er-Generation, die Aufklärung eingefordert und sich nicht damit zufriedengegeben hat, nur nach vorne zu schauen. Als ich später gemerkt habe, dass ich durch meinen Beruf eine öffentliche Stimme habe, war für mich klar, dass ich sie auch einsetzen möchte. Wir haben damals, Aufklärung eingefordert und wollten nicht akzeptieren, dass Menschen nach dem Krieg einfach nahtlos in ihren Ämtern weitermachten. Für mich gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man setzt sich für Offenheit, Aufarbeitung und Verantwortung ein – oder man macht den Deckel wieder drauf. Ich war und bin überzeugt, dass ich mich auf die richtige Seite gestellt habe.
Der ASB zeichnet Sie mit dem Annemarie-Renger-Preis für Ihr Engagement für Menschlichkeit, Toleranz und ein weltoffenes Miteinander aus. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Iris Berben: Annemarie Renger war für mich eine außergewöhnliche politische Persönlichkeit. Sie hat sich schon sehr früh für den Dialog zwischen Deutschland und Israel eingesetzt – zu einer Zeit, als das keineswegs selbstverständlich war. Gleichzeitig war sie eine starke, selbstbewusste und selbstbestimmte Frau. Das imponiert mir bis heute, vielleicht auch, weil meine Mutter ähnlich war. Später habe ich erfahren, dass sie sich selbst für das Amt der Bundestagspräsidentin vorgeschlagen hat. Auch das hat mich beeindruckt. Annemarie Renger gehörte zu den Menschen, die Haltung gezeigt haben, auch wenn sie damit unbequem waren. Deshalb bedeutet es mir sehr viel, einen Preis zu erhalten, der ihren Namen trägt.
Wer hat Ihnen diese Haltung mitgegeben – dass Erfolg allein nicht genügt, sondern man auch für seine Überzeugungen einstehen muss?
Iris Berben: Ich glaube, das wurde mir vorgelebt – vor allem von meiner Großmutter und meiner Mutter. Meine Großmutter war eine beeindruckende Frau. Sie hat nach dem Tod der ersten Frau meines Großvaters zwei Kinder großgezogen und später noch fünf eigene bekommen. Unsere Familie war immer offen für die Welt. Meine Großeltern waren christlich geprägt, aber nie bigott. Sie haben Mitgefühl, Gerechtigkeit und Offenheit gelebt – nicht nur gepredigt. Das prägt einen. Und auch meine Mutter war eine selbstbestimmte Frau, zu einer Zeit, in der das alles andere als selbstverständlich war. Viele Kämpfe, die andere Frauen führen mussten, haben diese beiden Frauen für mich schon geführt. Dafür bin ich ihnen bis heute dankbar.
Wenn Sie heute auf den zunehmenden Antisemitismus und die wachsende Menschenfeindlichkeit blicken – macht Sie das fassungslos?
Iris Berben: Es erschreckt mich, es macht mich wütend und es spornt mich an. Gleichzeitig versuche ich zu verstehen, woher diese Entwicklung kommt. Wir erleben eine Welt, die immer komplexer, unübersichtlicher und schneller wird. Ich glaube, viele Menschen fühlen sich davon überfordert und sehnen sich nach einfachen Antworten und nach jemandem, der ihnen das Denken abnimmt, der sie führt. Dabei wären gerade jetzt die Fragen wichtiger als vorschnelle Antworten. Diese Tendenz macht mir große Sorgen.
Was mich besonders erschüttert, ist die Ausgrenzung, die wir heute erleben – selbst an Orten, die eigentlich Räume für Austausch und unterschiedliche Meinungen sein sollten. Ich habe einmal geglaubt, dass wir eine offenere Welt schaffen und dass neue Technologien und Kommunikation die Menschen stärker miteinander verbinden würden. Heute erleben wir oft das Gegenteil. Social Media trennt uns eher als dass es uns eint. Woher aber dieser Hass und diese Menschenfeindlichkeit kommen, darauf habe auch ich keine einfache Antwort. Aber wir dürfen nicht aufhören, danach zu fragen.
Sie sagen oft, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist. Was braucht es, damit sich Menschen wieder stärker mit unserer Demokratie verbunden fühlen?
Iris Berben: Vielleicht brauchen Menschen wieder stärker das Gefühl, gebraucht zu werden, wahrgenommen zu werden, Wertschätzung zu erfahren. Vor allem aber müssen sie spüren, dass sie Demokratie mitgestalten können. Ich glaube, dieses Gefühl ist vielen verloren gegangen. Vielleicht haben wir uns zu lange darauf verlassen, dass Demokratie einfach funktioniert. Dabei fühlen sich heute viele Menschen nicht gesehen, nicht gehört und nicht ernst genommen. Gerade deshalb müssen wir ihnen wieder vermitteln, dass ihre Stimme zählt.
Viele Eltern fragen sich, wie sie ihre Kinder gegen Hass, Vorurteile und Extremismus stark machen können. Sie haben selbst einen Sohn, wie haben Sie ihm beigebracht, offen und respektvoll zu sein?
Iris Berben: Meine spontane Antwort ist: indem man es vorlebt. Und ich glaube, das stimmt im Kern auch heute noch. Bei uns gab es nie Tabus. Mein Sohn konnte mich alles fragen. Offenheit entsteht nicht von allein, man muss sie leben. Wir hatten außerdem das Glück, viel zu reisen und andere Lebenswelten kennenzulernen. Das erweitert den Blick. Mein Sohn hatte aber auch das Glück, dass es damals noch keine Sozialen Medien gab. Ich bin daher auch nicht sicher, ob jetzt Nutzungsverbote für junge Menschen allein der richtige Weg sind. Viel wichtiger ist, dass Eltern im Gespräch bleiben. Reden, zuhören, Fragen zulassen – auch dann, wenn man selbst nicht auf alles eine Antwort hat. Kinder merken sehr genau, ob ihre Eltern bereit sind, sich mit ihrer Welt auseinanderzusetzen. Ich glaube, genau darin liegt das Fundament.
Beim ASB übernehmen jeden Tag Menschen Verantwortung für andere – im Ehrenamt, in der Pflege, im Rettungsdienst oder in sozialen Projekten. Welche Bedeutung hat zivilgesellschaftliches Engagement für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft?
Iris Berben: Ich glaube, das ist eines der wichtigsten Fundamente unserer Gesellschaft. Man kann dieses Engagement gar nicht hoch genug schätzen. Gerade in Zeiten, in denen einen Resignation oder Zweifel überkommen, gibt es unzählige Menschen, die sich oft ganz leise engagieren. Sie stehen nicht im Rampenlicht, weil das Gute selten so laut ist wie Ungerechtigkeit oder Hass. Aber sie sorgen jeden Tag dafür, dass Menschen nicht allein gelassen werden, dass sie Unterstützung erfahren. Das macht mir Mut. Und genau deshalb beeindruckt mich auch der ASB: Hier engagieren sich so viele Freiwillige für andere. Das ist ein starkes Zeichen – und es gibt Hoffnung.
Was würden Sie jungen Menschen mitgeben, die angesichts von Krisen, Kriegen und gesellschaftlichen Konflikten das Gefühl haben, ihr eigenes Engagement kann nichts bewirken?
Iris Berben: Zunächst einmal würde ich ihre Sorgen nicht kleinreden oder relativieren. Es hilft niemandem zu sagen: Das war früher schon so. Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen. Aber ich würde ihnen auch sagen: Die Zukunft liegt in euren Händen. Ihr habt die Möglichkeit, Dinge zu verändern.
Natürlich wird es immer Rückschläge geben – im Großen wie im Kleinen. Umso wichtiger ist es, Menschen an seiner Seite zu haben, die einen tragen, die Kraft geben und mit denen man zusammen Verantwortung übernimmt. Und bei allem, was um uns herum passiert, dürfen wir den Blick für das Schöne nicht verlieren. Nicht aufhören zu staunen, nicht alles als selbstverständlich hinnehmen. Ich glaube, genau daraus entsteht die Kraft, Haltung zu bewahren und im eigenen Umfeld etwas zu bewegen. Ich weiß, dass das nicht leicht ist. Auch ich frage mich manchmal, ob wir wirklich vorangekommen sind. Aber was ist die Alternative?
Wenn Sie auf Deutschland in zehn Jahren blicken: Was wünschen Sie sich?
Iris Berben: Ich wünsche mir, dass wir auch in zehn Jahren in einem demokratischen Land leben. Und ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen mit Lust und Überzeugung daran mitwirken, diese Demokratie zu erhalten. Denn sie ist nicht selbstverständlich.
Interview: Diana Zinkler, Fachbereichsleitung Kommunikation und Public Affairs, ASB Deutschland e. V.
Über den Anne-Marie-Renger-Preis
Mit dem Anne-Marie-Renger-Preis zeichnet der Arbeiter-Samariter-Bund Persönlichkeiten aus, die sich mit Haltung und persönlichem Engagement für Demokratie, Menschenwürde, Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen. Der Preis erinnert an die frühere Bundestagspräsidentin Anne-Marie Renger, deren politisches und gesellschaftliches Wirken bis heute für diese Werte steht.
Über den ASB
Der Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e. V. (ASB) ist eine politisch und konfessionell unabhängige Hilfs- und Wohlfahrtsorganisation. Mit rund 1,6 Millionen Mitgliedern unterstützt der ASB Menschen in Not – unabhängig von ihrer politischen, ethnischen, nationalen oder religiösen Zugehörigkeit. Seit mehr als 135 Jahren engagiert sich der ASB unter anderem im Rettungsdienst, Bevölkerungsschutz, in der Pflege, der Kinder- und Jugendhilfe, den Sozialen Diensten sowie in der humanitären Hilfe im In- und Ausland.
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