Die Kinder haben wieder angefangen zu lächeln
Anlässlich des UNO-Weltflüchtlingstags am 20. Juni richtet der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) den Blick auf die Menschen, die weltweit vor Gewalt, Konflikten und Perspektivlosigkeit fliehen müssen. In zahlreichen Projekten unterstützt der ASB Geflüchtete und aufnehmende Gemeinden dabei, neue Lebensperspektiven zu schaffen. Ein Beispiel ist die Region Tahoua im Niger, wo Familien wie die von Assibi Issaka dank der Unterstützung wieder Hoffnung schöpfen können.

Assibi Issaka (im Rollstuhl sitzend) und ihre Tochter Bintou (links) mit Projektmitarbeitern bei einer Evaluationssitzung.
Foto: Fotos: ASB Niger“Ehrlich gesagt haben wir früher nicht wirklich gelebt – nur überlebt”, sagt Assibi Issaka. Wenn sie von “früher” spricht, meint sie die Zeit vor 2023. Die 47-Jährige hat fünf Kinder und weil sie nicht gehen kann, sitzt sie im Rollstuhl. Für die Versorgung der Kinder ist sie allein verantwortlich, denn ihr Ehemann ist bei einem Terroranschlag im Norden Nigerias ums Leben gekommen, er war damals auf der Suche nach Arbeit. Noch am selben Tag nahm Assibi ihre Kinder und flüchtete – wie tausende andere Nigerianer – über die Grenze in den Niger.
Dort war die Familie zwar etwas sicherer vor Terror und Gewalt, doch Assibi hatte keine Möglichkeit, ihre Kinder auch nur mit dem Nötigsten zu versorgen. "Meine beiden älteren Töchter mussten mich von Dorf zu Dorf und von Tür zu Tür schieben. Wir haben gebettelt, aber die Dorfbewohner hatten selbst nichts.” Das Weinen ihrer Hunger leidenden Kinder ließ sie ihre eigene Hilflosigkeit nur noch mehr spüren, erinnert sie sich, "ich konnte nichts tun."
Im Jahr 2023 startete der Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V. (ASB) mit seinem nigrischen Partner Karkara in der Region Tahoua ein humanitäres Hilfsprojekt. Verwitwet, körperlich beeinträchtigt, geflüchtet und alleine mit fünf Kindern – für den ASB galt Assibi als besonders vulnerable Person, der geholfen werden musste. Das Projekt setzt auf einen gendersensiblen und inklusiven Ansatz. Die am stärksten gefährdeten Menschen werden dabei besonders berücksichtigt, von rund 6.000 direkt Unterstützten haben etwa 600 eine Behinderung.
Militärputsch hat die Lage verschärft
Der ASB ist bereits seit 2005 in Niger mit einem Landesbüro in der Hauptstadt Niamey sowie zwei Projektbüros in Tahoua und Maradi aktiv. Der Binnenstaat in Westafrika ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Lebenserwartung im Land ist mit 54 Jahren eine der niedrigsten, jedes zehnte Kind stirbt in Niger vor seinem fünften Geburtstag.
Der Militärputsch 2023 und die zahlreichen bewaffneten Konflikte in der Region haben die aufgrund von Klima- und Wirtschaftskrise ohnehin angespannte humanitäre Situation in den vergangenen Jahren zusätzlich verschärft. Die Region Tahoua im Westen des Nigers ist mit am stärksten von der herrschenden Ernährungskrise betroffen. Hinzu kommen massive Zuströme von Menschen aus den Nachbarländern Mali und Nigeria, die vor Gewalt und Terror fliehen.
“Zum ersten Mal, seitdem mein Mann gestorben war, hatten wir wieder etwas zu essen in der Küche”, erzählt Assibi, wie sich ihr Leben seit Projektbeginn verändert hat. “Lange konnten wir gar nicht richtig kochen, jetzt manchmal sogar zweimal am Tag.” Neben monatlichen Lebensmittelhilfen und Unterstützung in einer Frauenkooperative haben Assibi und ihre Kinder auch drei Ziegen erhalten, mit denen sie ein kleines Einkommen verdienen können.
Die Solidarität ist groß, der Spielraum klein
Der ASB und seine Partner-NGO unterstützen in Tahoua in den Bereichen Klimaanpassung, Trinkwasser- und Lebensmittelversorgung sowie Konfliktprävention. Zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern vor Ort werden Wasserstellen saniert, Grundschulen mit Lebensmitteln versorgt, Weideland durch Anpflanzungen wiederhergestellt und wird speziell Frauen geholfen, ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern.
Das Projekt – durch die Aktion Deutschland Hilft (ADH) im Rahmen des WDR-Weihnachtswunders finanziert – unterstützt dabei einerseits die Binnenvertriebenen und Geflüchteten, andererseits auch die aufnehmenden Gemeinden. Denn die Solidarität mit den Geflüchteten ist zwar groß, der Spielraum zu helfen jedoch klein.
So wie bei Abdou Oumarou, der mit seiner Frau und sechs Kindern eine kleine Landwirtschaft im Dorf Roumbouki betreibt: “Unsere Ackerflächen produzierten fast gar keine Nahrung. Selbst für uns Dorfbewohner war es schon zu wenig”, erzählt der 50-Jährige. "Und dann kamen jeden Tag neue Flüchtlingsfamilien aus Nigeria an. Jeder Haushalt nahm mehrere Familien auf. Aber es waren zu viele Menschen, es fehlte an allem."
“Der ASB hat verstanden, was wir am besten können"
Abdou und seine Familie erhielten verbessertes Saatgut, mit dem sie ihre Ernteerträge deutlich steigern konnten. Andere Projektmaßnahmen wie die Verteilung von Nutztieren zielen ebenso auf eine nachhaltige Verbesserung der Ernährungssituation ab. “Der ASB hat verstanden, was wir am besten können: Ackerbau und Viehzucht. Dank dieser Hilfe wird unser Dorf stärker und unabhängiger”, freut sich Abdou.
Auch für Sekou Habiboulaye, Projektmitarbeiter von Karkara, ist der bedarfsorientierte Ansatz der passende Schlüssel zu nachhaltigem Projekterfolg: “Die Betroffenen wurden von Anfang an mit einbezogen. Sie erklärten, was sie brauchten und wie sie unterstützt werden wollten. Das hat einen großen Unterschied ausgemacht.”
Die Zuversicht ist zurückgekehrt
So wurde auch das drängendste Problem gemeinsam mit den Dorfgemeinschaften angegangen: der Zugang zu sauberem Trinkwasser. „Es gab nur eine Wasserstelle für das ganze Dorf und alle Geflüchteten. Die Kinder wurden oft krank, weil das Wasser nicht sauber war“, erklärt Abdou. Wasserstellen, Rohre und Filter wurden saniert und erweitert. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung in Unterhalt und Pflege der Infrastruktur geschult.
Das Leben der Menschen in Tahoua ist auch weiterhin von Krisen, Konflikten und Naturgewalten bedroht. Doch mit sauberem Wasser, mit mehr Nahrungssicherheit und mit neuen Perspektiven ist auch die Zuversicht in das Projektgebiet zurückgekehrt.
„Meine Kinder haben wieder angefangen zu lächeln. Seit sie regelmäßig essen können, sind sie viel gesünder“, erzählt Assibi. „Meine größte Hoffnung ist, dass meine Kinder nie wieder Hunger leiden müssen. Dass sie die gleichen Chancen haben wie andere Kinder. Dass sie zur Schule gehen können, in Sicherheit leben und sich ein besseres Leben aufbauen können.“
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