Interview mit Dr. Christiane Averbeck: „Zivilgesellschaft und lokale Netzwerke sind das absolute Rückgrat beim Klimaschutz“
Seit 2021 ist der ASB Deutschland e.V. Mitglied der Klima-Allianz Deutschland und bringt die soziale Perspektive in die Klimapolitik ein – etwa den Schutz besonders betroffener Menschen, Katastrophenschutz und Klimaanpassung. Anlässlich des Weltumwelttages am 5. Juni 2026 sprachen wir mit Dr. Christiane Averbeck, Vorständin der Klima-Allianz Deutschland, über die Rolle von Hilfs- und Wohlfahrtsorgansationen sowie die Bedeutung der Zivilgesellschaft für den Klimaschutz.
Frau Dr. Averbeck, Klimaschutz wird oft als Umwelt-Thema gesehen. Warum ist Klimaschutz aus Ihrer Sicht auch ein soziales Thema?
Weil Klimaschutz im Kern Menschenschutz ist. Wer an die Klimakrise denkt, hat oft noch Bilder von schmelzenden Gletschern und Eisbären im Kopf. Aber die Realität ist doch, dass die Folgen längst bei uns vor Ort angekommen sind. Es sind gerade ältere Menschen, Kranke und Kinder, die unter immer häufigeren Hitzewellen oder Extremwettern leiden. Gleichzeitig ist Klimaschutz die soziale Lösung für eine weitere Krise: die fossile Kostenfalle. Es sind nämlich oft Menschen mit geringem Einkommen, die in schlecht gedämmten Wohnungen leben und die hohen Kosten für teures fossiles Gas und Öl kaum noch stemmen können. Die Klimakrise trifft die Schwächsten in unserer Gesellschaft am härtesten. Wenn wir konsequent auf saubere Energien setzen und unsere Städte anpassen, schützen wir also nicht nur die Natur. Wir schützen unsere eigene Gesundheit, unseren Geldbeutel und ganz konkret den sozialen Zusammenhalt in unserem Land.
Warum ist es wichtig, dass Organisationen wie der ASB Teil dieses Bündnisses sind? Welche Rolle können Hilfs- und Wohlfahrtsorganisationen wie der ASB beim Klimaschutz übernehmen?
Organisationen wie der ASB sind für uns unverzichtbar, denn sie sind ganz nah an den Menschen und wissen genau, wo im Alltag der Schuh drückt. In der öffentlichen Debatte wird Klimaschutz leider oft sehr technisch diskutiert. Wohlfahrtsverbände schlagen hier die Brücke und zeigen, dass es um ganz konkrete Lebensqualität geht. Zudem gibt es wohl kaum Berufsgruppen, denen die Gesellschaft mehr Vertrauen entgegenbringt als den Menschen im Rettungsdienst, in der Pflege oder im Bevölkerungsschutz.
Wenn diese Stimmen laut werden, hören Menschen zu. Der ASB kann in der Praxis eine enorme Vorbildfunktion einnehmen, sei es bei der Aufklärungsarbeit zu gesundheitlichen Risiken des Klimawandels, durch eine klare Haltung für eine ambitionierte Klimapolitik oder einfach durch klimafreundlichere eigene Einrichtungen und nachhaltige Mobilität im Dienst. Hilfsorganisationen sind die glaubwürdigsten Stimmen, um klarzumachen, dass Klimaschutz im Kern direkter Gesundheits- und
Menschenschutz ist.

Dr. Christiane Averbeck ist Expertin für Klima- und Energiepolitik und war rund ein Jahrzehnt lang als geschäftsführende Vorständin der Klima-Allianz Deutschland tätig, einem der größten zivilgesellschaftlichen Bündnisse für Klimaschutz in Deutschland. Im Juli 2026 scheidet sie aus ihrer Position aus und hat die Arbeit des Bündnisses in ihrer Amtszeit maßgeblich geprägt.
Foto: Klima-Allianz DeutschlandHilfsorganisationen erleben Extremwetter inzwischen ganz konkret – zum Beispiel bei Hochwasser, Hitzewellen oder Waldbränden. Was müsste sich im Bevölkerungsschutz (auch mit Blick auf vulnerable Gruppen) jetzt verändern?
Wir dürfen nicht länger nur abwarten und auf Katastrophen reagieren, sondern müssen dringend von der Reparaturhaltung zur Vorsorge übergehen. Nehmen wir das Beispiel Hitzeschutz: Im Bevölkerungsschutz brauchen wir jetzt vor allem flächendeckende und verpflichtende Hitzeaktionspläne, denn Extremtemperaturen gefährden insbesondere ältere Menschen, Kranke und Kinder. Städte müssen so umgebaut werden, dass sie mehr Schatten bieten und Wasser besser aufnehmen können. Das Wichtigste ist jedoch, dass Bund und Länder die Kommunen und Hilfsorganisationen unbürokratisch und finanziell verlässlich so ausstatten, dass sie diesen Schutz der vulnerabelsten Gruppen vor Ort auch wirklich garantieren können.
Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft in den kommenden Jahren? Wie wichtig sind lokale Netzwerke und das Engagement Ehrenamtlicher? Viele Menschen möchten sich engagieren, fühlen sich aber gleichzeitig mit der Aufgabe überfordert. Was würden Sie ihnen sagen?
Die Zivilgesellschaft und lokale Netzwerke sind das absolute Rückgrat beim Klimaschutz. Ohne die Menschen vor Ort, die konkrete Lösungen einfordern und umsetzen, bleiben politische Beschlüsse nur abstrakte Theorie. Dass sich viele bei dieser Jahrhundertaufgabe überfordert fühlen, ist dabei völlig verständlich. Die Vorstellung mancher, dass man erst den persönlichen Lebensstil perfektionieren und den individuellen CO₂-Fußabdruck auf null senken müsse, erzeugt enormen Druck und Frust. Wir müssen diese Aufgabe als Gesellschaft insgesamt bewältigen. Dafür braucht es klare und gerechte politische Rahmenbedingungen, für die wir uns als Zivilgesellschaft einsetzen müssen.
Werden Sie genau da aktiv, wo Sie im Alltag ohnehin verwurzelt sind. An Ihrem Arbeitsplatz, in Ihrem Sportverein oder eben bei einem Wohlfahrtsverband wie dem ASB. Wenn wir uns mit anderen zusammentun, um beispielsweise das Vereinsgebäude mit Solarzellen auszustatten oder einen lokalen Hitzeaktionsplan zu erstellen, durchbrechen wir das Gefühl der Ohnmacht. Wir spüren dann eine gemeinsame Wirksamkeit, die unheimlich motivierend ist.
Was gibt Ihnen Hoffnung mit Blick auf die kommenden Jahre, wo sehen Sie positive Entwicklungen?
Hoffnung ist für mich kein passives Warten auf ein Wunder, sondern eine aktive Haltung. Es ist die feste Überzeugung, dass unser Tun einen Unterschied macht. Und für diese Zuversicht gibt es handfeste, wissenschaftliche und wirtschaftliche Gründe. Wir haben die Technologien, die wir brauchen, längst zur Hand. Erneuerbare Energien erleben weltweit einen beispiellosen Boom und sind inzwischen die günstigste Form der Stromerzeugung. Außerdem zeigen alle verlässlichen Umfragen, dass die große Mehrheit der Menschen in Deutschland und weltweit mehr Klimaschutz will und für Veränderungen bereit ist. Überall sehe ich Kommunen, Betriebe und engagierte Ehrenamtliche, die schon längst anpacken und vormachen, wie es geht. Wir haben jetzt die riesige Chance, unser Land nicht nur klimaneutral, sondern insgesamt gerechter, gesünder und lebenswerter für uns alle zu machen. An dieser Zukunft mitzubauen, das ist es, was mir jeden Tag Hoffnung gibt.
Sie stehen kurz vor Ihrem Abschied als Vorständin der Klima-Allianz Deutschland – was hat Sie in Ihrer Amtszeit am meisten geprägt?
Was mich am meisten geprägt und jeden Tag motiviert hat, ist die enorme Kraft unseres Bündnisses. Als ich anfing, galt Klimaschutz für viele noch als reines Umweltthema der Umweltverbände, Entwicklungsorganisationen und Kirchen. Heute stehen über 150 Organisationen aus der ganzen Breite der Gesellschaft zusammen, vom Umweltverband über Kirchen und Gewerkschaften bis hin zu Wohlfahrtsverbänden wie dem ASB. Zu sehen, wie diese unterschiedlichen Akteure an einem Strang ziehen, weil sie verstanden haben, dass es um unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen geht, war für mich ein riesiges Privileg. Wir haben gezeigt, dass Klimaschutz längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und ein echtes Gemeinschaftswerk ist.
Eine Allianz mit Gewicht
Mit rund 150 Mitgliedsorganisationen aus Umwelt, Kirche, Entwicklung, Bildung, Kultur, Gesundheit, Verbraucherschutz, Jugend, Soziales und Gewerkschaften engagiert sich die Klima-Allianz Deutschland seit 2007 für eine ambitionierte, gerechte Klimapolitik auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Ihre Mitglieder repräsentieren zusammen etwa 32 Millionen Menschen. Die Allianz fordert wirksamen Klimaschutz im Sinne des Pariser Abkommens, Klimaneutralität spätestens bis 2040, soziale Gerechtigkeit bei der Transformation und den Ausstieg aus fossilen Energien.
Sie betreibt politische Lobbyarbeit, veröffentlicht Positionspapiere, organisiert Kampagnen, Bildungsarbeit und Veranstaltungen wie den Deutschen
Klimatag und wirkt aktiv an Gesetzgebungsprozessen mit.
Nachhaltigkeit als Teil unserer sozial-ökologischer Verantwortung
Für den ASB ist Nachhaltigkeit ein fester Bestandteil seiner Werte. Ziel ist die Treibhausgasneutralität bis Ende 2035, verbunden mit der Verantwortung für unsere Mitarbeitenden und der Organisationskultur sowie transparentem Organisationshandeln. Ein erster wichtiger Schritt war das 2023 gestartete Projekt „Klimaschutz – hier und jetzt!“, bei dem mehr als 50 ASB-Einrichtungen auf Grundlage einer CO2-Bilanz Maßnahmen zur Emissionsreduktion sowie zur Vergrößerung des Handabdrucks entwickelt und umgesetzt haben. Das Projekt fand Ende 2025 seinen Abschluss,
doch das Engagement des ASB für Nachhaltigkeit geht weiter.
Klimaschutz ist Menschenschutz – deshalb engagiert sich der ASB in der Klima-Allianz. Wir setzen uns für bessere Rahmenbedingungen zur Finanzierung von Nachhaltigkeit in der Wohlfahrtspflege ein. Die Stärkung des Themas Klimaanpassung zeigt sich auch in unserem Einsatz für die Gleichstellung aller Ehrenamtlichen im Bevölkerungsschutz sowie durch ESHS-Kurse zur Hilfe zur Selbsthilfe. Die Klima-Allianz unterstützt uns dabei, unsere Anliegen in politische Forderungen zu übersetzen und im Verbund mit anderen Mitgliedern mehr Gehör zu finden.

