RZ_bl_ASB_Motive_2500x770_allgemein.webp
Übung des Schnelleinsatzteams FAST

Wenn die Erde bebt und ein Choleraausbruch droht

Fünf Tage lang probten 150 Einsatzkräfte im hessischen Kriftel die Hilfe nach einem Erdbeben. Mittendrin: die ehrenamtlichen Einsatzkräfte des ASB-Schnelleinsatzteams FAST. Sie bauten eine Zeltambulanz und eine Trinkwasseraufbereitungsanlage auf und übten zum ersten Mal als gemeinsames Team mit den Johannitern. Ihr Ziel: gemeinsam besser helfen.

Berlin/Köln, 21. Oktober 2026: Ein schweres Erdbeben der Stärke 7,1, dann ein Nachbeben. Krankenhäuser und Straßen sind zerstört, mitten im Chaos breitet sich Cholera aus. Das fiktive Land Getania bittet über die Weltgesundheitsorganisation (WHO) um Hilfe. Für die Einsatzkräfte des ASB-FAST beginnt damit auf dem Übungsgelände in Kriftel der Ernstfall, zum Glück nur als Übung.

Genau für solche Lagen gibt es Emergency Medical Teams (EMTs): medizinische Nothilfeteams, die bei Naturkatastrophen oder Krankheitsausbrüchen schnell helfen und das örtliche Gesundheitssystem entlasten. Darin arbeiten Ärztinnen und Ärzte, Pflege-, Logistik- und Koordinierungspersonal zusammen. In Deutschland gibt es sechs als Typ 1 klassifizierte Teams, Typ 1 steht dabei für eine ambulante Behandlungseinrichtung. Alle werden von Nichtregierungsorganisationen gestellt und mit ehrenamtlichen Einsatzkräften besetzt, darunter das FAST (First Assistance Samaritan Teams), das Schnelleinsatzteam des ASB.

Fünf Tage Ausnahmezustand

Vom 14. bis 18. Oktober 2026 trainierten bei der „Joint German EMT Exercise“ fünf dieser sechs deutschen EMTs gemeinsam: neben dem ASB die Johanniter, CADUS, ISAR Germany und humedica. Außerdem nahmen der Österreichische Samariterbund, die Apotheker ohne Grenzen das Robert Koch-Institut (RKI) und das Institut Pasteur aus Frankreich teil.

Die 15 Einsatzkräfte des ASB-Teams FAST übernahmen in Kriftel drei Aufgaben: Sie versorgten Patientinnen und Patienten medizinisch in der Zeltambulanz, bereiteten Wasser aus verunreinigten Quellen zu Trinkwasser auf und betrieben die Anlaufstelle für Cholera-Erkrankte. Dabei arbeiteten sie zum ersten Mal Seite an Seite mit den Johannitern, unterstützt durch Apotheker ohne Grenzen und ein mobiles Labor des RKI und des Institut Pasteur.

Die Versorgung beginnt

Innerhalb kürzester Zeit errichteten die Einsatzkräfte eine komplette Zeltambulanz zur medizinischen Behandlung von erkrankten bzw. verletzten Personen. Parallel wurde durch Einsatzkräfte des FAST die Trinkwasseraufbereitungsanlage aufgebaut, um aus verschmutzten Wasserquellen sauberes Trinkwasser zu produzieren. Die mobile Anlage kann im Einsatz 700 Liter sauberes Trinkwasser pro Stunde produzieren. Im Ernstfall würde die Anlage nicht nur das Team, sondern auch die Patientinnen und Patienten und Menschen in der Umgebung versorgen. In vielen Fällen kommt es nach Naturkatastrophen und der Zerstörung der Infrastruktur zu Kontaminationen des Trinkwassers, die die Verbreitung gefährlicher Durchfallkrankheiten begünstigen. Angesichts dessen ist es wichtig, dass sich das Team und die Patientinnen und Patienten mit selbst gefiltertem Trinkwasser versorgen können.

Nach einem Erdbeben ist das Gesundheitssystem ohnehin am Limit: Krankenhäuser sind beschädigt oder zerstört, Verletzte müssen versorgt werden. Breiten sich zusätzlich Durchfallerkrankungen wie Cholera aus, steigt die Belastung des medizinischen Systems weiter. Genau dafür wurde in Kriftel erstmals ein Oral Rehydration Point (ORP) aufgebaut, eine Anlaufstelle, an der Choleraerkrankte versorgt werden. Dass ein solcher Punkt in eine EMT-Übung in Deutschland eingebettet wurde, ist ein Novum. Die Leitung übernahm Daniel Peter, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin und medizinischer Berater des FAST. Er war zuletzt selbst mit dem FAST in Mosambik und Angola im Einsatz, um die Cholera zu bekämpfen.

FAST_Kriftel_2026_22.webp

Der "Oral Rehydration Point" - ein Behandlungsplatz für Choleraerkrankte wurde zum ersten Mal im Rahmen einer deutschen EMT-Übung aufgebaut.

Foto: ASB | Jan Weisbrod
FAST_Kriftel_2026_14.webp

Behandlung in der Zeltambulanz: Felix Fellmer, leitender Arzt des FAST in der Übung, untersucht einen Patienten.

Foto: ASB | Jan Weisbrod

„Die Cholerafälle sind in den letzten Jahren angestiegen, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent. Mit dem ORP hat das FAST nun ein Specialised Care Team in seinem Portfolio, dass die Cholera dort bekämpft, wo sie auftritt und wo schwere Fälle verhindert werden können - in den betroffenen Gesellschaften.“

Daniel Peter, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin und medizinischer Berater des FAST

 

Mehr zum Einsatz in Mosambik:

Jetzt lesen

Schon während des Aufbaus sorgten Verletztendarstellerinnen und -darsteller dafür, dass sich die Übung real anfühlte. Die realistisch geschminkten Wunden und das Spiel der Darstellenden stellten die Einsatzkräfte bei der medizinischen Behandlung und Koordination auf die Probe. Übungsbeobachterinnen und -beobachter begleiteten die Teams, prüften die Abläufe und dokumentierten die Handlungen der Einsatzkräfte. Für die ASB-Einsatzkräfte hieß das: unter Zeitdruck die Zeltambulanz und die Trinkwasseraufbereitungsanlage in Betrieb nehmen, Patientinnen und Patienten versorgen und dabei mit Kolleginnen und Kollegen anderer Organisationen Hand in Hand arbeiten.

Gemeinsam statt nebeneinander

Im Mittelpunkt stand das Joint Deployment: Im Einsatzfall arbeiten Kräfte verschiedener Organisationen in gemischten Teams zusammen. Das klingt erst einmal nach Logistik, ist aber vor allem menschlich: Die Teams mussten sich untereinander abstimmen, sich schnell auf unbekanntes Material einstellen, Prozesse abgleichen und effizient zusammenarbeiten. Am Ende steht über allem das Ziel, die Menschen im Katastrophengebiet schnellstmöglich und gut zu versorgen. Für die Einsatzkräfte des ASB hieß das: neue Handgriffe, anderes Material, andere Abläufe, und trotzdem ein gemeinsames Ziel. 

 

Das betont auch ASB-FAST-Referentin Nina Stücke:

„In diesem Jahr war unser Ziel, in gemischten Teams zu üben und uns gegenseitig besser kennenzulernen. Das hat sehr gut geklappt. Wir konnten wertvolle Erkenntnisse gewinnen: wo gibt es Unterschiede bei Abläufen, Ausrüstung und Teamstruktur und wo ‚ticken‘ wir gleich. Über all dem stand das gemeinsame Ziel, Menschen in Not zu helfen. Das verbindet!“

 

Zu Gast in Kriftel waren auch Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Hilfsorganisationen, von Behörden und der WHO, um mehr über die Übung zu erfahren, darunter Oleg Storozhenko, Leiter des Notfallteams der WHO/Europa.

FAST_Kriftel_2026_10.webp

Neben Vertreter:innen anderer Hilfsorganisationen, internationalen Beobachtern und Behörden war auch auch die WHO vor Ort und informierte sich über die Übung.

Foto: Jan Weisbrod | ASB
FAST_Kriftel_2026_6.webp

Auch eine Laborkomponente des Robert Koch Instituts und dem Institut Pasteur nahm an der Übung teil.

Foto: ASB | Jan Weisbrod

Die Menschen hinter dem Einsatz

Hinter den 15 Einsatzkräften des FAST stehen ganz unterschiedliche Menschen. Im Medizinteam arbeiten Freiwillige mit medizinischer Qualifikation, im Wasserteam solche mit Technik-, Chemie- oder Logistik-Know-how. Sie kommen aus ganz Deutschland, engagieren sich ehrenamtlich und bereiten sich in ihrer Freizeit auf den Ernstfall vor.

Die Freiwilligen lernen die Grundlagen der humanitären Hilfe, den Umgang mit Stress und Sicherheit. Dazu kommen spezialisierte Fachtrainings und Übungen wie in Kriftel, bei denen sie das Gelernte unter realistischen Bedingungen anwenden. Wenn dann der Alarm kommt, ist jede Einsatzkraft 14 Tage vor Ort. Zwei Wochen, in denen sie ihren Alltag hinter sich lassen und dort helfen, wo andere alles verloren haben.

Kein Gedankenspiel

Was in Kriftel geprobt wurde, ist für FAST Realität. Das Team ist seit 2017 von der WHO als EMT Type 1 fixed klassifiziert, 2024 wurde die Klassifizierung für weitere fünf Jahre erneuert. Seit dem ersten Einsatz 2009 in Indonesien war FAST über 20 Mal im Einsatz, unter anderem 2023 nach dem Erdbeben in der Türkei und 2026 in Mosambik. Dort half das Team zuletzt in der Provinz Tete nach einem Cholera-Ausbruch, mit zwei Behandlungsstationen und Wasserfiltern für rund 4.000 Menschen. 2025 half das Team in Angola gemeinsam mit Malteser International, CADUS und einem RKI-Experten, einen Cholera-Ausbruch einzudämmen. Wie in Kriftel arbeiteten dort Organisationen Hand in Hand. 

„Hilfe kennt keine Grenzen – und sie ist keine Frage des Zufalls, sondern der Vorbereitung. FAST steht dafür: WHO-klassifiziert, seit 2009 in mehr als 20 Einsätzen weltweit aktiv, vom Erdbeben in der Türkei bis zum Cholera-Ausbruch in Mosambik. Die Herausforderungen vor Ort werden nicht kleiner – deshalb wird die enge Zusammenarbeit zwischen den Hilfsorganisationen international künftig noch wichtiger werden. Dafür trainieren unsere Freiwilligen – und dafür sind wir ihnen dankbar.“

Carsten Storck
Leiter ASB-Auslandshilfe

 

Mitmachen bei FAST

FAST besteht aus ehrenamtlichen Einsatzkräften aus ganz Deutschland. Für das Medizinteam braucht es eine medizinische Qualifikation und mindestens zwei Jahre Berufserfahrung, im Trinkwasserbereich zählen vor allem Interesse und Technik-, Chemie- oder Logistik-Know-how. Das Mindestalter beträgt 21 Jahre. Ein Einsatz dauert höchstens sechs Wochen, jede Einsatzkraft ist 14 Tage vor Ort.

Mehr dazu in den Medien:

RTL Hessen: plus.rtl.de/rtl-hessen (ab Minute 1:00)
FAZ, 19. Oktober 2026: „Wir arbeiten mit dem, was wir haben“