„Der erste Syrer mit Seepferdchen“

Die vielen Badeseen in Mecklenburg-Vorpommern bieten auch Flüchtlingen eine willkommene Freizeitbeschäftigung. Viele der Asylsuchenden können allerdings nicht schwimmen. Der ASB Schwerin-Parchim hilft ihnen dabei, es zu lernen.

Ahmad, Yassir und Adnan Dibel stehen bis zur Brust im Demener See und zittern. Der Himmel ist bewölkt, das Wasser kalt, obwohl es August ist. Von sommerlichen Temperaturen keine Spur. Doch die drei jungen Männer haben keine Wahl. Sie wollen schwimmen lernen und solange das Wasser mindestens 18 Grad warm ist, ziehen die Wasserretter vom ASB Schwerin-Parchim den Unterricht durch. Also ziehen sie mit.

Schwimmen lernen ist wichtig für Asylsuchende

Die drei Männer sind Brüder und kommen aus Syrien, aus Idlib, wo es keine Badeseen gibt und Schwimmen auch im Schulsport nicht unterrichtet wird. „Unser Heimatort ist weit weg vom Meer", sagt Ahmad Dibel, mit 29 Jahren der älteste der drei Geschwister. „Vielleicht fahren wir ein- oder zweimal im Jahr an die See, aber Schwimmen spielte nie eine große Rolle. Nun aber bin ich in Schwerin. Hier gibt es viele Seen. Alle meine Freunde hier können schwimmen, aber ich kann es nicht", erklärt er. Um nicht länger außen vor zu sein, wenn Freunde und Bekannte an den Badesee fahren, hat sich der Syrer nun zum Schwimmkurs angemeldet.

Schwimmen zu lernen ist für Asylsuchende in Deutschland wichtig, das kann auch Yassir Dibel bestätigen. Nur wenige Tage vor dem Beginn seines Schwimmkurses war er am See und schwamm so weit heraus, dass er es aus eigener Kraft nicht mehr zurück ans Ufer schaffte. Rettungsschwimmer mussten den 19-Jährigen aus dem Wasser ziehen und in ein Krankenhaus bringen. „Solche Zwischenfälle dürfen nicht passieren", findet Rolf Stiehler. Er leitet die Badeaufsicht am Demener See, die der ASB dort Tag für Tag übernimmt.

Ehrenamtliche Ausnahmeleistung

Der ASB Schwerin-Parchim bringt im Jahr mehr als 1.300 Kindern das Schwimmen bei. Rund 70 Ausbilder und Rettungsschwimmer üben in ihrem Jahresurlaub ehrenamtlich mit den jungen Schwimmanfängern die richtige Technik ein. „Unser Ziel ist es, dass mehr Menschen schwimmen können und so die Zahl der Badeunfälle sinkt", sagt Mike Stiehler, Leiter der Wasserrettung. Weil die Hallenkapazitäten in Mecklenburg-Vorpommern knapp sind, konzentriert sich die Ausbildung auf die Sommermonate, in denen die Samariter mit ihren Schülern in den vielen Seen der Region üben können. Als zum Sommerbeginn die Initiative „Flüchtlingshilfe Schwerin" anfragte, ob auch Geflüchtete zum Unterricht kommen könnten, stimmten die Samariter gleich zu. Acht oder neun Kurse organisiert der ASB-Kreisverband jede Woche in den Sommerferien zeitgleich, da können auch die Geflüchteten problemlos einsteigen. Nur eine Bedingung formulierte Mike Stiehler gleich: „Wir wollen keine Kurse geben, an denen ausschließlich Flüchtlinge teilnehmen, denn das ist für die Integration nicht zweckdienlich".

Syrischer Rettungsschwimmer vermittelt

Tatkräftige Unterstützung bekommen die Samariter von Mohammed Saleh Zahra. Auch er ist vor einigen Monaten aus Syrien, aus Aleppo, nach Deutschland geflohen. Eine vorläufige Bleibe hat er wenige Kilometer außerhalb des kleinen Dorfes Demen gefunden. In Syrien hat der 23-Jährige Sport studiert, er ist ein geübter Schwimmer. Nun, in Mecklenburg-Vorpommern, hat Mohammed Saleh Zahra wenig Beschäftigung. Also stand er eines Tages am See, als der ASB gerade neue Rettungsschwimmer ausbildete, und fragte, ob er mitmachen könne. „Ich kann nicht immer hier sitzen und nichts tun. Ich will auch helfen und arbeiten", erklärt er seinen Schritt. „In Syrien bleibe ich auch nicht den ganzen Tag im Bett."

Die Ausbildung zum Rettungsschwimmer meisterte der Syrer problemlos und hilft seitdem beim Schwimmunterricht mit. Vor allem, wenn arabischsprachige Schüler dabei sind, kann er vermitteln.

So auch beim Kurs der Dibels, wo die drei Brüder nun 25 Meter im tiefen Wasser zurücklegen sollen. Ahmad Dibel schafft die erforderliche Strecke auf Anhieb. Stolz lächelnd klettert er aus dem Wasser. Für die Leistung wird ihm einige Minuten später das Seepferdchen-Abzeichen verliehen. „Alles Gute und immer unfallfreies Schwimmen. In Deutschland oder in Syrien, im Mittelmeer oder an der Ostsee", sagt Rolf Stiehler. „Ahmed ist der erste Syrer, der in Demen das Seepferdchen bekommen hat", fügt er hinzu. Ein guter Anfang.

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